Prof. Dr. Gerd Rohmann
Universität Kassel

Langjährige Tätigkeit als Präsident des Verbandes der Naturlandstiftungen und Koordinator von ökologischen Projekten der Landesverbände

Vortrag bei der Jahrestagung 2004 in Mespelbrunn/Spessart des FORUM LEBENDIGE JAGDKULTUR e.V.

THEMA:
 
Neue Gedanken zur Lust an der Lust zwischen Erleben und Erlegen

 
"Der Weg ist das Ziel"

Jäger, Forscher, Dichter und Philosophen wissen, daß ihre Erlebnisse (des Jagens, des Forschens, des Dichtens und der Suche nach Wahrheit, intensiver sind als ihre Ergebnisse (die Beute, die Entdeckung, die Publikation und die Weisheit). Wurde der Reiseweg früher wegen unbekannter Gefahren gefürchtet oder gar als Folter empfunden (trepalium>travail>travel), so entdeckte die Romantik das Reisen in seiner gründlichsten Form: im Wandern. Sterne erreichte auf seiner Sentimental Journey through France and Italy nur Südfrankreich, Coleridge wanderte von Göttingen auf den Brocken, Goethe auf seiner Italienischen Reise mit Hilfe von Postkutschen bis nach Neapel und ein berühmtes Gedicht Wordworths endet, als der erste Gebirgsbach in seiner Marschrichtung nach Süden fließt, mit dem beeindruckenden Ausruf: "Now we had crossed the Alps!" Der spanische Philosoph Ortega y Gasset schildert in seinem berühmten Prólogo a un tratado de monteria (1944, dt. Vorwort zu einer Abhandlung über die Hohe Jagd) die Überlistung der scharfen Sinne des Wildes, der getarnten Anpassung an seine natürliche Umwelt und seiner dauernden, oft launischen Beweglichkeit als das intensivste Erleben der Jagd. Dies sind allesamt Phasen vor dem Schuß, nach dem die lustvolle Erfahrung der Verfolgung schnell im Höhepunkt der Erlegung des Wildes endet.

Alle Lebewesen streben nach Beute

Alle Menschen streben von Natur aus nach Ressourcen, nach Beute, ob es sich nun um Erfolg, Freizeit, Geld, Rekorde oder eben um die Jagd handelt, um ein Bedürfnis zu befriedigen, das normalerweise dem Leben des Individuums und dem Überleben der Art bzw Population dient. Damit das funktioniert, haben alle Lebewesen, also Tiere und der biologisch hierzu zählende Mensch, einen Trieb, besser ein Antriebssystem, das auf die Lust zum Beutemachen gerichtet ist. Der animalisch lustgeleitete Drang, konsumtive Güter der Kategorien Nahrung und Multiplikationsobjekte (Geschlechtspartner) zu erlangen, Freßbares sich einzuverleiben bzw. biologische Arterhaltungsorgane zu aktivieren, ist Tieren wie Menschen naturgemäß wesenseigen. Die Triebbefriedigung dieser Art wird nicht bloß mit Lust erstrebt, sie wird auch im Akt und nach diesem mit Lust erlebt. Diesen hierbei ablaufenden emotionalen Prozeß wollen wir mit Lust bzw. mit Freude, seine Aktivitätsmerkmale mit Passion bzw. mit Leidenschaft bezeichnen.

Der Steinzeitjäger im Gewand der HighTech

Der moderne Mensch war schon immer in seiner Phylogenese Prädator bzw. Venator. Mit der evolutiven Sensation, der Entwicklung des Selbstbewußtseins, näherhin seiner Basis, der Großhirnrinde, die vor etwa einer Million Jahren sehr langsam einsetzte, entwickelte sich der frühe Mensch zu einem Sich-selbst-wissenden-Wesen: Es entstand das Ich-Bewusstsein, die Fähigkeit zur Reflexivität. Gleichzeitig hiermit dämmerte in unseren archaischen Vorfahren das Todesbewusstsein auf, das eine ganz elementare Bedingung für Kulturentwicklung überhaupt wurde. Mit der Gewissheit des Todes war ein ungeheures Tremendum verbunden, das uns Menschen bis heute mit einer oft unüberwindlich erscheinenden Angst erfüllt und unsere Lebensaktivitäten zu lähmen droht. Wie bei der Lust im Lebewesen eine triebhafte Tendenz besteht, Lust zu vermehren und Unlust zu vermeiden, so hat zur Morgenröte unserer kulturellen Entwicklung die Todesangst, der Schrecken und das Entsetzen im Angesichte des Wissens um unsere Endlichkeit, ähnliche Strategien entwickelt:
Alle streben nach Angstvermeidung und Verdrängen des Todesbewusstseins. Das Gehirn lieferte dem Menschen hierzu Strategien, die unsere Kultur dauerhaft und richtungsgebend prägen sollten. Es sind dies die Jagd auf wilde Tiere mit dem allmählichen Anwachsen eines multidimensionalen Motivkomplexes. Das bedeutet folgendes: Das bis dahin wie beim tierischen Prädator beherrschende Motiv, Nahrung, Fleisch zu erbeuten wurde erweitert um das Motiv, das Töten des Tieres in besonderer Weise in einem extrem emotionalen Prozess zu erleben. Diesen bezeichnen wir im Sprachgebrauch der modernen Psychologie mit Kick (erlebt im Akt des Erlegens, Tötens). Die körperliche Beute, das Wildpret, wurde mit Blick auf heute immer weniger motivbildend, und umgekehrt wurde das Erleben solcher Jagdakte zum stärksten Motiv unseres Jagens. Tief in unserem Unbewussten liegt der Fokus für solche motivierende Kraft, die uns im Tötungsakt ein Gefühl der Macht, der Überlegenheit, der Beherrschbarkeit der Natur vermittelt: Und es ist außerdem die Religion, die es uns seit den frühen Mythen gestattet, in der gläubigen Überzeugung von einem Leben nach dem Tode, die Angst zu bannen. Wir erkennen aus diesem Ergebnis neuerer wissenschaftlicher Forschung von Anthropologie und Psychologie sowie der Forschung der synthetischen Evolutionstheorie (Genetik und Hirnforschung als deren Instrumente):
Religion und die moderne Jagd haben dieselbe kulturevolutive Wurzel.

Evolutiv gleichursprünglich sind Religion und Jagd

Bedauerlicherweise erleben wir beide Entitäten unserer Natur im Hinblick auf die Auslösemechanismen nicht bewusst. Wir erleben sie nur im Erfolg, also bei der Jagd im Glück, in der Freude, in Spannung und Entspannung, in jenem Akt kumulativer Emotion, die wir im Tötungsvollzug modern mit "Kick" bezeichnen und im religiösen Glauben mit der absolut beruhigenden und Angst verdrängenden Gewissheit eines Lebens nach dem Tode (Erlösung, Auferstehung usw.) glauben. Dieser Glaube ist sogar so stark und so hypermodern, daß wir mit ihm den aktuellen Terrorismus durch Selbstmordattentäter erklären müssen. Für den gläubigen Moslem ist Krieg und Vernichtung des Ungläubigen eine Trumpfkarte zum Erlangen eines privilegierten Platzes im Jenseits. Wir erleben also bei der Jagd und im religiösen Glauben bloß die Ausdrucksformen der hinter wahrnehmbarer Realität ursächlich wirkenden Wirklichkeit der Natur in unserem Inneren. Wir wissen also aus Erfahrung mit uns selbst und mit der Welt, was geschieht, wenn Jagd und Religion der Fall sind. Wir wissen aber nicht, warum es geschieht. Wir können die Zusammenhänge von Jagdlust und ihrer Ursache nicht erkennen, weil die Hirnforschung das limbische System, den Sitz unserer Emotionalität, noch nicht dechiffrieren konnte.

Ich-Bewußtsein und Erleben

Das Tier lebt, aber es erlebt nicht sich: Nur der Mensch lebt und erlebt sein Erleben. (Helmuth Plessner, Die Stufen des Organischen und der Mensch, Göttingen 1928).

Mit dem "Zweiten Anthropologischen Grundgesetz der Vermittelten Unmittelbarkeit" können wir die unbewußten Antriebsursachen für die Lust erklären, die wir Jäger in einem extremen Emotionsprozeß bei der Jagd bis zum Töten des Tieres erleben, und wir wissen jetzt auch durch neuere Forschung, daß es eben keine Lust am Töten ist. Wir wissen dank Plessner um den Dreh unserer Emotionalität, die sich vom Erleben des Tieres in doppelter Weise unterscheidet: Das Tier lebt und erlebt (der Hund z. B. erlebt seine Jagd nach Beute; er erlebt sie sogar im Traum), aber nur der Mensch ist fähig, sein Erleben wiederum als Meta-Erleben zu erfahren: Ich kann mich meiner Körperbindung durch kognitive Vollzüge entäußern und zusehen, wie hin und weg ich bei und nach meinem Jagderfolg bin, wie ich im rauschartigen Dahinschweben von Geist und Körper im Prozeß der Einsfühlung glücklich und zufrieden bin. Ich erlebe also nicht nur, sondern ich erlebe dieses Erleben noch einmal in einer Art Meta-Erleben.

Diese kulturspezifischen menschlichen Fähigkeiten ermöglichten es den frühen Jäger- und Sammlerkulturen, bei der Jagd im Tötungsvollzug nicht nur die Befriedigung einer intendierten Freßlust zu erfüllen, sondern auch ein Gefühl der Befreiung zu erleben durch (scheinbare, virtuelle) Macht über die Natur, indem animalisches Leben nicht bloß Nahrung, sondern auch (freilich unbewußt) Naturaktualität, Repräsentanz der Natur war und so erlebt wurde. Ein Beweis dafür ist die Entstehung der bildenden Kunst durch die Jagd in religiös motivierter Höhlenmalerei. Diese Natur durch Vernichten von individualtierischem Leben zu beherrschen, das bedeutete zugleich Macht über sie und ihre Gesetze, das bedeutete vor allem auch, Herrschaft über den Tod zu gewinnen. Denn darin, daß wir das Naturding Wild töten und dabei einen exorbitanten Lusteffekt erleben erweist es sich empirisch, daß wir etwas ganz besonderes in unserem Inneren erfahren: Das kann wohl kaum die Lust am Töten eines Wildtieres sein, zumal sie bei häufiger Wiederholung erfahrungsgemäß abstumpfen müßte. Offenbar packt mich eine viel stärkere Kraft, etwas ganz Elementares etwa wie bei der Sexualität, in der das Leben naturgemäß auf seine Permanenz tendiert. Worin aber besteht diese Kraft, die solch extremes Erleben generiert?
Kurzum: Aus der Erfahrung unseres Bewußtseins wissen wir nichts, das uns eine Erklärung erlaubt! Inzwischen aber hat empirische Forschung einen hierzu, wie wir glauben aufsehenerregenden Erkenntnisbeitrag geleistet, der unser Jagdverständnis revolutionieren wird.

Das Glück und die Spielraumidee als Moralprinzip

Ganz und gar unbewußt und mit großer Hingabe täuschen wir uns um unserer Überlebenshygiene willen, um dem niederdrückenden Entsetzen permanent aktuellen Todesbewußtseins zu entfliehen durch das Überlegenheitsgefühl über die Naturgesetze, indem wir animalisches Leben in natürlicher Verfassung (Wildtiere) vernichten und dabei das erhabene Gefühl des Glücks erleben, dessen Fundament die hypothetische Naturbeherrschung ist, indem wir die Tendenz natürlicher Gesetze umdrehen und sie unserem Vergnügen unterwerfen. Die Jagdlust überhaupt und die Lusterfahrung im Tötungsakt ist also kulturevolutiv eine starke, erfolgreiche und eine kompetente Überlebensstrategie des Menschen.
Aus der Medizinstatistik wissen wir, daß aktive Jäger und tiefgläubige Menschen so gut wie nie einen Psychiater benötigen, weil sie sich einerseits naturgemäß abreagieren können, statt gegen andere zu intrigieren und andererseits in sich ruhen. Wir sind fähig, unser Ich zu erleben und eben dieses Ich auch im Alter Ego zu erfahren: Wir haben damit eine Einsfühlungsfähigkeit zum Mitmenschen, aber wir haben auch die Fähigkeit zur Einsfühlung mit anderen Lebewesen, z. B. mit dem Wild, weil wir biologisch-strukturell mit denselben seelischen Qualitäten, auf freilich höherer Ebene, ausgestattet sind und folglich interagieren können.
Hierin liegt der tiefere Sinn unserer Jagdmoral im Ausdruck von dem, was wir so vordergründig mit Waidgerechtigkeit bezeichnen: Ihr Kernaspekt ist nämlich die Interaktion mit anderen Lebewesen im Mitgefühl und im Vollzug der Spielraumidee. Da alles in der Natur auf den Menschen hingeordnet zu sein scheint, rangieren wir auf höchster Ebene der zoologischen Hierarchie. Daraus ergeben sich Rechte und Ansprüche von Prädatoren gegenüber anderen, niederen Rängen bis hin zur Pflanze. Und wir tragen für die gesamte Lebenswelt aufgrund unserer Geistqualität Verantwortung dafür, daß jedes Lebewesen gemäß seiner Weise in der Welt zu sein sich nach seiner natürlichen Bestimmung verwirklichen kann. Das gilt für Tiere ebenso und darüber hinaus für das gesamte Ökosystem.

Der Weg ist das Ziel

Wir wissen, daß wir weit ausholen mußten, um das Faktum und die Gründe zeigen zu können, die bestimmende Leitlinien für Jagd und Jäger sind und denen entsprechend der Erfahrungssatz gilt: Der Weg ist das Ziel. Denn nur dann, wenn wir wissen, welche Ursachen unserer Lust zugrunde liegen, Wildtiere zu bejagen und zu töten, nur dann können wir uns ein Urteil darüber bilden, wie Ziel und Weg bei der Jagd in jedem Fall der Jagdaktualität interagieren. Schon im Vorgriff auf künftiges Erleben kann der Mensch auf sein auch demnächstiges Erleben vorher reflektieren. Wir können künftiges Erleben sogar planen, worauf uns Immanuel Kant aufmerksam gemacht hat: Wir haben Vorstellungen, genauso wie Tiere sie haben. Aber unsere Vorstellungen sind mit ihrem Entstehen nach Kant zugleich Objekte unseres Verstandes, der sie bearbeitet, ordnet und günstigenfalls logisch strukturiert. Daraus erwächst uns die Fähigkeit zum Planen, beispielsweise zum Planen eines Jagderlebens. Bei dem Aufbruch zur Jagd, wenn wir den Rucksack packen, die Waffen zurechtlegen, Utensilien anderer Art richten, sind wir auf den intentionalen ultimativen Tötungsakt bereits ausgerichtet und erfahren seinen exorbitanten Kumulus abgeschwächt, sozusagen in Form einer gesteigerten Freude. Bis zum Gelingen oder Misslingen einer auf Erlegen (Töten) gerichteten Jagdaktivität durchlaufen wir Handlungs- und Erlebensepisoden, die nicht bloß zielorientiert sind, sondern in denen in jeder Phase das Ziel (Töten) anwesend ist. Wissenschaftlich formuliert wäre zu sagen: Die Zielidee ist in den Handlungs- und Erlebensepisoden präsent.

Die Jagd ist eine Lebensform neben anderen Lebensformen

Wer ein attraktives Mädchen mit erotischer Aura zum candlelight-dinner einlädt, der verfolgt meistens Ziele und Zwecke, die weit hintergründiger sind als das Angebot von Nahrung und Getränk, es sei denn, er ist impotent. Aber auch der Impotente träumt gewissermaßen von jenem Ziel, das auch ihm seine Natur vorgibt, ohne daß er es je erreichen könnte. Mit der Jagd ist es ähnlich wie mit der Liebe: Das erotische Erleben liegt auf dem Weg zum Höhepunkt. Das Ziel liegt nämlich nicht im schnellen Schuß, sondern im Erstreben und Erleben eines gemeinsam erreichten, anhaltenden Höhepunktes. Der sexuelle Orgasmus wird in einer Metapher der französischen Sprache auch "La petite mort" genannt, und gebildete Menschen wissen ganz genau, welches intensive Erlösungsgefühl damit gemeint ist, platonischer im Tötungsakt nach der Jagd. Der Tötungsakt steht aber nicht im Vordergrund, sondern das Erlebnis der Jagd ist für das Erleben des Jägers zentral. Sonst würde niemand eine teure Standgebühr bezahlen, sondern sich mit der Bezahlung eines von einem anderen Jäger erlegten Wildes zufriedengeben.
Zusammengefasst kann festgestellt werden: Für jeden emotional geleiteten, also für jeden halbwegs passionierten Jäger bildet Jagd eine das praktische Leben beeinflussende und mitgestaltende Rolle. Jagd ist für den echten Waidmann eine LEBENSFORM, wie für Menschen, die nach anderer Beute, nach anderen Ressourcen streben von denen ihre Lebensform geprägt wird. Beispielhaft zu nennen sind der Priester und Sportsmann, der Wissenschaftler und Unternehmer ebenso wie der Politiker und Arzt, der engagierte Naturschützer und der Religionsfanatiker. Sie alle jagen nach ihrer Beute um der Lust willen, sie zu erlangen und sie erleben je nach ihrer Persönlichkeit mit Glück und Freude den ideellen oder materiellen Erfolg, der als Ressource ihres Erlebens nichts anderes ist als das, was wir schon immer als Beute begreifen.

Bedürfnis und Beute bedingen sich wechselseitig

Nur ganz naive Akteure und Funktionäre der Jägerschaft glauben noch daran, ein quasi animalischer Beutetrieb archaischer Provenienz habe sich an der Kulturevolution vorbeigeschlichen und motiviere noch heute einige Menschen, jagen zu wollen.
Sie begründen diese Auffassung mit dem angeblichen Streben des Jägers, die Beute auch körperlich in Besitz nehmen –, sich aneignen zu wollen, die Hand auf die Beute zu legen als besitzergreifendes Zeichen. Dabei wird das tatsächliche jagdpraktische Motiv des Jägers unserer Zeit übersehen. Nur der privilegierte Jäger und sein engeres soziales Umfeld können beispielsweise als Jagdpächter, Forstamtsleiter, Eigenjagdbesitzer usw. das tatsächliche Eigentum und den körperlichen Besitz an der Beute reklamieren. Die überwiegende Zahl (etwa 90 %) aller Jägerinnen und Jäger verfügt über solche Eigentumsprivilegien nicht. Aber selbst auch die Privilegierten sah man fast nur dieses "Handauflegen" als Zeichen der Besitzergreifung bei erbeuteten Trophäenträgern zelebrieren. Bei weiblichen Wild oder bei Niederwild allgemein ist ein derartiger Rang höchst selten in der Lebenswirklichkeit wahrzunehmen. Den emotionalen Höhepunkt seiner Jagd, den Kick erlebt der Jäger immer dann, wenn er den todbringenden Schuss auslöst und er erlebt ihn auch, wenn das Wild nicht sofort tödlich getroffen den Schuss zwar "quittiert", aber entflieht. Das Erleben in der Folge des Schusses etwa bei der Nachsuche und dem körperlichen Besitzergreifen, bei dem "Bergen" der Beute ist erlebenskonstitutiv eher als Ausklangsform erfahrbar.

Jüngere anthropologische und psychologische Forschung unterstützt im Ergebnis einer empirischen Studie meine vorausgehenden Feststellungen. Unsere Emotionalität ist für alle Jäger die Basis ihres Jagdbedürfnisses und deshalb ist die Lust zu jagen die ideelle Bezugsebene von Erleben auch wenn außerdem einige wenige Jäger materiell mitbestimmt sind, wenn sie ihre Beute verhökern oder noch verspeisen. Alle Menschen streben nach Ressourcen, die essentiell einem Ziel dienen: der Befriedigung psychosomatischer Bedürfnisse, Wünsche und Interessen. Bei wenigen liegen diese aktivierenden Potentiale des Innen auf geistiger, bei vielen auf geistig-seelischem Niveau und bei den meisten von uns auf einer Verschränkung, auf einer Interaktion von körperlichen und seelischen Trieben mit Umweltinteressen und materiellen Präferenzen.

Mir scheint es, daß wir Jäger überwiegend der zuletzt genannten Gruppe angehören, weil wir Emotionalität, Zweckrationalität und materielle Strebungen zu verbinden pflegen. Viele sind hochpassionierte Jäger ohne den Drang, dafür etwas bezahlen zu wollen und sie betrachten selbst einen anderen Jäger als Beute, z. B. den Revierinhaber, der sie großzügig jagen lässt. Wir sehen daran, daß ein und dieselbe Lebensform ganz unterschiedliche Strategien haben kann. Die Lust aber, eine in uns aufschäumende Freude beim Erlegen des Wildes als sie selbst, als Freude zu erleben ist allen Jägerinnen und Jägern gemein: Sie ist die eigentliche Beute und das Ziel des Jägers und wir wissen es jetzt auch, wie das alles zusammenhängt. Für gläubige Menschen und für Jäger ist die Aktualität des Todes nicht bezwungen, sie können diese aber meistens belächeln, weil ihr das Tremendum, das Angsttrauma genommen ist und der Tod damit seinen lähmenden Schrecken verliert.

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