Herbert Rosenstingl/Le coeur de la Chasse,
Waidhofen/Thaya

Vortrag bei der Jahrestagung 2004 in Mespelbrunn/Spessart des FORUM LEBENDIGE JAGDKULTUR e.V.

THEMA:
 
Die Beute, materiell und ideell als Ziel und Zweck der Jagd

Daß das Thema der diesjährigen Tagung kein leichtfertig gewähltes ist, wurde mir rasch klar
als ich meinem Beitrag kurz nach Einladung zur Tagung übereifrig einen Namen gab, nicht
bewußt, daß die Beute, die Jagdbeute, in ihrer Vielfalt schwer zu definieren ist, wie der
Begriff der Waidgerechtigkeit.

Meine Idee fiel in die Zeit der ausklingenden Niederwildjagden, als die Enten und Fasanhahnen vom Himmel fielen, in den für mich nahen Weingärten der Ausläufer Pannoniens die Krummen um ihren Balg fürchten mußten und der eine und andere Lapin des Ahrtales mir eine Premiere bescherte, die ich nicht vergessen werde - ich Beute machte. Und besonders diese Jagd nahe Remagens war es, die mir die mir selbst gestellte Aufgabe als leicht zu lösende vorgaukelte.

Zuerst immaterielle Lust und Freude an der Beute, dann materielle Lust und Freude an der Beute - damit hat sich's?!

Beginnen wir den Jagdtag nicht am zugehörigen Morgen, denken wir an den Zeitpunkt der Einladung oder den Beginn der Organisation der Jagd, an die Idee eines Revierganges oder die Arbeit draußen. Der eingeladene, jagende Mensch freut sich ab nun auf die Jagd, der Einladende freut sich wie einer, der seinen Aufgaben im Revier nachgeht, die Bereiche der Freude verfügen über unterschiedliche Reichweiten, überlappen sich, werden oft ident. Sich freuen auf die Landschaft, in der die Jagd stattfindet, auf die Jagdfreunde, das übermütige, Freude zeigende Gebaren der Hunde, Freude auf das Streifen über die Felder, auf die Ruhe beim Standtreiben, das Anwechseln des Wildes, auf den Schuß - oder den unterlassenen Schuß, auf den Anblick seltenen, wenig bekannten, nicht jagdbaren Wildes, endlich Freude über den alles erlösenden Schuß, nach dessen Verhallen die Beute vor uns liegt, die wir aufnehmen und die mit einem Mal aus dem Immateriellen zu uns herüber wechselt und materiell, angreifbar wird, "aus dem Gedanken Fleisch gewordene Beute", wenn das so zu sagen erlaubt ist.

Nicht viel anders bei Pirsch und Ansitz, bei der Jagd allein, für sich, vielleicht mit einem Freund, einem Gast. Die Sehne der Vorfreude spannt den Bogen der Jagd bis vor dessen Bersten, bis das Fieber den Jäger beim Erscheinen des Wildes überfällt und er mit Mühe in einen Zustand hinüber zu gleiten versucht, mit dem Schuß in Ruhe dem Wild den Tod in Würde ohne Schmerzen geben zu können, das Wild seine Beute werden zu lassen.

Das immaterielle Vorher verschmilzt mit dem materiellen Nachher in einem Erlegungsmysterium, wie Gagern es nannte, zu einem immateriellen Nachher, das getötete, zur materiellen Beute gewordene Tier bleibt in der jagdfreudigen Gedankenwelt des Jägers, es lebt in seinem Gedächtnis weiter, in Gesprächen beim Schüsseltrieb oder in der Jagdhütte.

Jeder Form der Jagd ist die Vorfreude auf das Beutemachen inhärent, und nach Erlangen der Beute oder, nach Nichterlangen, ist es die erfüllt oder unerfüllt gebliebene Jagd, die dafür verantwortlich ist, daß sich der Bogen der Erwartung der Beute immer wieder spannt, immateriell und materiell.

 
Die Beute ist der überkörperliche Erlebenswert der Jagd

Nicht selten kehren wir von einer Jagd, einem Reviergang ohne materielle Beute nach Hause, während wir immaterielle, geistige Beute in uns tragen, wenn auch wir materielle Beute zu machen in unserer Absicht trugen. Die mitgebrachte Beute der Erinnerung, wie ich sie nennen möchte, entsteht in uns für die Zeit der Jagd, des ledigen Draußenseins, der Arbeit, des Fütterns, also auch ohne die Absicht zu haben, materielle Beute zu machen, als Gefühl.
Gefühl der Freude, trotz des Mangels materieller Beute, Gefühl der Freude über den Sonnenauf- und -untergang, über das taunasse Spinnengewebe, über die Vogelstimmen, über den Geruch des Heus oder über die mystische Stimmung eines nebelverhangenen Spätherbsttages bis hin zum Stäuben des Schnees durch Wind beim Luderplatz, nach dessen Verlassen wir uns mit Freude am warmen Kachelofen die verloren gegangene Wärmeenergie zurückholen. Vorher schon begannen unsere geistigen Akkus damit, sich mit immaterieller Beute aufzuladen: Wir haben gejagt.

Was wäre eine Betrachtung ohne José Ortega y Gasset, der uns mit Kühnle, Lindner, Schwenk und anderen sagt, was wir getan haben müssen, um gejagt zu haben. Parallel meint Friedrich Nietzsche, daß der moderne Mensch auch dort, wo sein Erkenntnisdrang an die Jagd gemahnt, mehr Lust an der Bewegung als am Ziel habe. Dem entsprechend sein Aphorismus aus der "Morgenröte", >Auf der Jagd<: "Jener ist auf der Jagd, angenehme Wahrheiten zu erhaschen, dieser - unangenehme. Aber auch der Erstere hat mehr Vergnügen an der Jagd, als an der Beute." Zur unerreichbaren Beute des Jägers wird hier das Flüchtigste und gleichzeitig Beständigste: die Wahrheit.

Ist Jagd ohne materielle Beute bedeutungslos, so wird die dabei gewonnene geistige Beute zur UN-Beute, sie wird zur NICHT-Beute, die dafür aufgewendete Lebenszeit zur UN-Zeit, der so denkende und der Jagd nachgehende Jäger zum NICHT-Jäger, der so jagende Mensch ...?

Es bedarf keines Zitates der Literatur, das gewaltige Zusammenspiel all dessen, was Jagdbeute in sich birgt, zu klären, es bedarf nur unser selbst, daß wir Beute machen.

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