Im Spiegel des Zeitgeistes:
Gedanken einer Ideologiekritik zur Kulturgeschichte des modernen Jägers

Was hat Jagdkultur mit der universellen Eigenschaft des Menschen zu tun, die ihm über den langen Weg seiner Phylogenese eine Entwicklung zur Denkfähigkeit (zu kognitiver Valenz) vermittelte? Was hat Jagdkultur also mit der Jagd an sich zu tun?

Neue Einsichten hierzu eröffnete uns eine Jagdtheorie, die inzwischen auf dem besten Wege ist, von den exakten Wissenschaften gut bestätigt und deshalb akzeptiert zu werden. Unter dem Leitgedanken, den der oben angegebene Titel in die Sicht bringt wollen wir vor allem auch den Jägerinnen und Jägern die Chance vermitteln, sich selbst als aufgeklärte Menschen unserer Zeit besser zu verstehen, wie es in der Gesellschaft allgemein längst vollzogen und begriffen worden ist. In den Medien wird das Thema der kulturellen Evolution der Jägerspezies Homo s. sapiens seit geraumer Zeit im Lichte neuerer Forschung mit exorbitantem Engagement und Interesse verfolgt.

Ist es nicht ein bedenkliches Bild unserer geistigen Verfassung als gesellschaftliche Gruppe: Wir Jägerinnen und Jäger stehen im Zentrum des öffentlichen Interesses, das sich auf seine Ursprünge zurückneigt und wir scheinen es kaum wahrzunehmen?

Am Anfang war der Jäger! Wo aber ist er jetzt?

Heute glauben nur noch wenige Menschen, zu Beginn unserer Stammesgeschichte sei vielleicht ein anderes Tätigkeitsmerkmal als jenes des Jägers und Sammlers, etwa das im Alten Testament beschriebene, das paradiesische Lebens- und Tätigkeitsfeld für den Menschen der Morgenröte vorherrschend gewesen. Der Schöpfer muß wohl selbst ein Jäger sein! Wie sonst hätte es ihm einfallen können, sein Schöpfungsjuwel als Homo Venator auszubilden?

Die Frage soll provozieren! Wir könnten sie überhaupt nur ernsthaft diskutieren, wenn wir die Überlieferung der Genesis wörtlich nehmen und für bare Münze hielten. Tatsächlich werden im Alten wie im Neuen Testament Metaphern verwendet, um dem bis heute intellektuell nicht sehr weit gekommenen Menschen metaphysische Wirklichkeit in den Horizonten seiner Möglichkeit des Verstehens abstrakter Realitäten wenigstens erahnbar zu machen. Jesus wird nachgesagt, er habe „in Bildern und Gleichnissen“ gesprochen. Modern gewendet bedeutet dies: Christus hat Metaphern verwendet. Ich füge hinzu: Im Blick auf die Bergpredigt hat er hierbei eine beachtliche Perfektion geleistet. Die meisten Jägerinnen und Jäger sind, wie es scheint, auf „Brücken“ dieser Art angewiesen. Wer aber im tiefen Glauben an Schöpfung, Paradies und Sündenfall gemäß der Genesis verharrt kann dennoch zugleich ein aufgeklärter Mensch auf der Höhe unserer Zeit sein: Dieses Faktum ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck der Natur des Menschen als in beiden Welten (Tier- und Geistnatur) behaustes Lebewesen, worin wir bekanntlich Kulturwesen sind. Wer überhaupt begreift, dass und wie Kosmos und Kultur ineinander verschmelzen, der versteht auch, weshalb es zulässig ist zu fordern, der Jäger solle den Schöpfer im Geschöpfe ehren. Wäre es nicht eine vornehme Aufgabe für die Jagdverbände, wenigstens zu versuchen, solche Wirklichkeit als fassbare Wahrheit Jägerinnen und Jägern zu vermitteln, sobald der Jagdorganisation einmal Interpretationssubjekte zur Verfügung stehen, die geistige Eliten zu sein sich nicht bloß den Anschein geben, sondern es auch wirklich sind. Vielleicht hilft ein Hinweis auf eine Methode, die der Philosoph G.W.F. HEGEL empfohlen hatte: „Ich appelliere hierbei an das alte Vorurteil, dass im Wissen Wahrheit sei, dass man aber vom Wahren insofern wisse, als man nachdenke, nicht so, wie man gehe und stehe.“

Mit „Homo Venator - Homo Omniprädator“ wird die immer schon das europäisch-abendländische Jägerethos irgendwie beeinflussende Frage nach Schöpfer und Geschöpflichkeit aus dem Aspekt der vorstehend erwähnten aktuellen Diskussion mit Beiträgen im jagdthematischen Kontext besprochen. Ziel ist es, unsere Leitkultur, die abendländisch-europäische, die westliche Kultur, deren Teil unsere Jagdkultur ist, nicht dem Dilettantismus und der Scharlatanerei der vermeintlich geistigen Eliten in jagdlichen Organisationen preiszugeben.

Glaubwürdigkeit und von naiver Phantasie befreites Denken

Statt dessen bemüht sich das FLJ darum, Jägerinnen und Jäger unserer Zeit als aufgeklärte Menschen auf der Höhe der Zeit psychologisch, moralisch, gesellschaftlich und politisch in die Lage zu versetzen, selbstbewusst mit glaubhaften, logischen und der menschlichen Natur gemäßen Argumenten in der geistigen Auseinandersetzung mit der nicht jagenden Gesellschaft eine respektable Figur abgeben zu können.

Wir Jägerinnen und Jäger streben insoweit nach nichts anderem, als nach unserem Recht, neben gleichartigen anderen Rechten anderer Menschen unserer Passion, dem Waidwerk mit Freude und Hingabe nachzugehen zu können, das in individuell unterschiedlicher Weise unsere Lebensform prägt. Frei sein wollen wir dabei von allen Gewissensbissen, die den Jägern eingeredet werden, insoweit wir den Schöpfer nicht zulänglich im Geschöpfe zu ehren aus weltanschaulichen oder anderen Gründen bereit und in der Lage sind.

Der Schöpfer des Begriffes Aufklärung, Immanuel Kant, hat in seinem Aufruf an den Menschen, sich seiner Pflicht zur geistigen Bildung zu stellen uns Jägerinnen und Jäger nicht ausgenommen!
Den Unfug als solchen zu enttarnen und die Machtstrukturen aufzudecken, die mit dem Begriff Verantwortung, Würde usw. der institutionellen Selbsterhaltung und der Selbstgerechtigkeit sowohl jagdlicher Institutionen als auch einiger vermeintlicher Leitfiguren der Jägerszene dienen, wird von uns als eigener Beitrag lebendiger Jagdkultur begriffen. Das FLJ hat deshalb dieses heikle Thema zur Aufklärung im zentralen Interesse des Jägers und seines Umfeldes ins Visier genommen.

Sind wir alle Tiere einer besonderen Spezies?

In der religiösen Überzeugung im Sinne der Genesis sind wir das, was dümmlicher Stolz häufig mit „Krone der Schöpfung“ bezeichnet. Tier und Mensch werden auf solche Weise als ganz unterschiedliche Geschöpfe begriffen und nicht nur der Rangordnung nach (graduell), sondern auch aus dem Aspekt einer unüberbrückbaren spezifischen Trennlinie (essentiell) als spezifisch verschiedene Lebewesen aufgefasst. Zustande gebracht hat das nach der Vorstellung der Schöpfungsgläubigen vor etwa 6000 Jahren ein Schöpfergott, unser Herrgott, wie viele ihn bezeichnen. Nicht zuletzt daraus leiten zur Zeit noch die geistigen Größen der von Jagdverbänden und Institutionen ins Feld der Jägernaivität entsandten Moralverkünder ihre häufig abstrusen und intellektuell wenig bewältigten Aufrufe zur „Verantwortung“ ab. Sie sprechen von einer Jagdethik ohne zu wissen, dass es eine jagdliche Moralphilosophie dieser Art (sui generis) überhaupt nicht geben kann. Gezielt wird der religiöse Glaube der meisten Jägerinnen und Jäger als Saatbeet solcher „Gscheitelhubereien“ missbraucht.

Den tiefern Sinn und den stammesgeschichtlichen Hintergrund der Vertreibung aus dem Paradies zu erklären und hieraus die Jagdmoral universell verständlich zu machen, diesen Ansprung intellektuell zu leisten wäre unseres Erachtens eher verdienstlich. Die Vertreter der Evolutionslehre, näherhin die Kulturanthropologen begreifen offenbar schon besser, wo denn vielleicht ein Schöpfergott seine Spezies prägenden Spuren im Tier Mensch hinterließ: Dieser Ort ist unsere Vernunft, und das Gehirn ist ihre körperliche Basis. Daß Verstand und Vernunft nicht in eins gerührt werden können, dieses wissenschaftlich dokumentierte Faktum werden selbst Jägervertreter nicht mehr in Frage stellen.

Papst Benedikt XVI. stellte 2006 in Regensburg die Frage:
Die Vernunft, ein Zufall der Evolution?

Wenn das vernünftige Handeln des Jägers in Ausübung der Jagd Ausdruck seiner Kultiviertheit ist, dann muß ihn, insoweit er sich überhaupt als Kulturwesen begreift, die Frage nach der Her- und Abkunft der Vernunft genauso beschäftigen, wie die Frage nach Schöpfung und Geschöpflichkeit den religiös verbundenen Jäger bei seiner Auseinandersetzung mit dem Tier in Unruhe versetzt. Irgendwie bleibt die Möglichkeit, moralisch richtig zu jagen insbesondere mit Berufung auf Vernunft, so scheint es, immer auch eine religiöse Frage. Die Stellungnahme von Papst Benedikt zu dem Problemkreis Evolution-Vernunft-Religions-Interaktion (Regensburg 2006) verdient deshalb zitiert zu werden:

„Seit der Aufklärung arbeitet wenigstens ein Teil der Wissenschaft emsig daran, eine Welterklärung zu finden, in der Gott überflüssig wird. Und so soll er auch für unser Leben überflüssig werden. Aber sooft man auch meinen könnte, man sei nahe daran, es geschafft zu haben - immer wieder zeigt sich: Das geht nicht auf.“
Die immer wieder sich aufdrängende zentrale Frage lautet nach Ansicht des Papstes:
„Was steht am Anfang, die schöpferische Vernunft, der Geist, der alles wirkt und sich entfalten lässt, oder das Unvernünftige, das vernunftlos sonderbarerweise einen mathematisch geordneten Kosmos hervorbringt, und auch den Menschen, seine Vernunft. Aber die wäre dann nur ein Zufall der Evolution und im letzten also doch auch etwas Unvernünftiges.“

Die Äußerungen des Papstes bleiben hier unkommentiert. Sie, lieber Besucher, lieber Leser, sind nach unserer Überzeugung in der Lage, zwischen dem Anschein von Tiefsinn, mit dem einige der amtierenden Vordenker der organisierten Jägerschaft im deutschsprachigen Raum durch pompöses Gewäsch zu Verantwortung und Ethik beeindrucken wollen und einem Tiefsinn, der sich aus Vernunft speist zu unterscheiden.

Den Schöpfer im Geschöpfe ehren

Der Glaube als Fundament eines Jägerethos im Selbstwiderspruch seines Zweifels

Für den schöpfungsgläubigen Jäger und Christenmenschen im deutschsprachigen Raum ist der Spruch Riesenthals vom Ehrenschild des Jägers, der folglich zu jagen hat, wie sich’s gehört und hierin den Schöpfer im Geschöpfe ehrt, eine innere Verpflichtung und der immerwährende Anruf des Gewissens in Ausübung der Jagd. Wer so jagt, der fühlt sich seinem Schöpfergott gegenüber verpflichtet, Tiere quasi gottesfürchtig aus dem Aspekt der Mitgeschöpflichkeit gewaltsam ihrem biotischen Ende entgegen zu führen.

Diesen Akt des Tötens begreifen schöpfungsgläubige Jägerinnen und Jäger als Konsequenz aus der göttlichen Aufforderung, der Mensch solle sich die Erde untertan machen. Die Vollzugsmodi haben natürlich zur Ehre des Schöpfers zu erfolgen. Deshalb wird der gläubige und gottesfürchtige Jäger das Wild in Ausübung der Jagd ehrfürchtig als Mitgeschöpf behandeln. Das Anlöcken gegen die Rohigkeit seiner Triebe und gegen die Egoismen seiner triebgeleiteten Leidenschaften gelingt dem Jäger aber nicht allein aufgrund seines Glaubens, sondern aufgrund der Erwartungshaltung seines sozialen Umfeldes, der Gemeinde der auf ihn blickenden anderen Gläubigen. Ein von solchem Geist getragenes Jägerethos ist deshalb auch der öffentliche Ausweis, die Visitenkarte des individuellen Gottes- und Schöpfungsglaubens zum kollektiven Bekenntnis.

Wer im Wissen um das Faktum der biotischen Evolution dieses Fundament der kulturellen Entwicklungsgeschichte, der Menschwerdung also, herablassend belächelt, der kann als Jäger sein jagdliches Tun moralisch nicht rechtfertigen! Wer demgemäß Jagdmoral als die nicht bloß sittliche, sondern vor allem kulturelle Visitenkarte des Jägers im Ausdruck seines Jägerethos (Weidgerechtigkeit) für ziemlich naiv einschätzt, der müsste zuallererst einmal angeben können, welche zuverlässigere innere Bindung für jagdhandelnde Subjekte aus der Sicht des Ungläubigen es denn geben könnte. Schnell wird er in Verlegenheit geraten, weiß er doch, daß die Sittlichkeit durch keine stärkere Macht als jene, die der religiöse Glaube gleich welchen Bekenntnisses zu etablieren vermag eine moralisch sensible Mentalität fundiert.

Die viel berufene und viel gescholtene Weidgerechtigkeit hat nur dann eine Chance, ihre hohe Verbindlichkeit, ihre Anspruch begründende Würde (Dignität) zu bewahren, wenn der religiöse Glaube den Jäger aus der Wurzel seiner Tradition motiviert, den Schöpfer im Geschöpfe zu ehren. Denn gerade im Lager der Ungläubigen ist die Angst vor der Endlichkeit, das Entsetzen vor der Gewissheit des Todes häufig ein auffälliger Impuls, die unbeweisbare Unsterblichkeit der menschlichen Existenz in ihrem Kern (z.B. Seele) auf oft Mitleid erregende Weise außer Frage zu lassen. Die Todesangst vieler Ungläubigen ist oft schon ziemlich lächerlich!

Das Bewusstsein eines radikalen Endes des Selbstbewusstseins durch den Tod zu ertragen gelingt daher nicht dem Zweifel, der Ungläubigkeit also, sondern allein den so genannten starken Nerven! Jäger mit starken Nerven dieser Art gibt es zahlreich, aber sie maskieren die daraus zu erwartenden negativen Folgen für die Schöpfung häufig durch eine Überbetonung von Weidgerechtigkeit, durch eine merkwürdige Form von Selbstgerechtigkeit.

Der religiöse Glaube im Angesichte der Offenbarung

Aktuell gerät die Vorstellung vom Menschen als einem Wesen nach Gottes Ebenbild ausgerechnet durch solche Anhänger der göttlichen Schöpfung der Welt ins Wanken, die den religiösen Glauben an die Schöpfung zu einer exakten Wissenschaft erheben wollen. In Deutschland finden die fundamentalistischen Akteure in religiös ideologieverdächtiger Absicht (Kreationisten) neuerdings einen auffälligen Zulauf. Sie haben sozusagen Konjunktur!

Droht auch der organisierten Jägerschaft, national dem DJV und international dem C.I.C., durch blindes (oder naives?) Vertrauen gegenüber einem Berater der Präsidenten ein Abgleiten in ein System, das von fundamentalistischen Ideologien und kämpferischen Strategien getragen ist? Ein jüngst zum persönlichen Berater sowohl des DJV-Präsidenten als auch des C.I.C.-Präsidenten berufener Mediziner ist mit fundamentalistischer Aggressivität und Diskriminierungsaktionen öffentlich hervorgetreten. Gegenüber Kritikern seiner moralisch wie rechtlich höchst bedenklichen Umtriebe berühmt er sich mit Anspruch von Autorität und Legitimation seiner Beraterrolle. Er greift mit einer Vernichtungsstrategie eine von den Jagdmedien, von Wissenschaftszeitschriften und anderen überregionalen Publikationsorganen besonders im Interesse der Jäger anerkannte wissenschaftliche Arbeit eines Autors des FORUM LEBENDIGE JAGDKULTUR mit Textverfälschungen an.

Diese Art eines fundamentalistischen Vorgehens gegen anders Denkende, gegen einen Evolutionsforscher, der die kulturelle Entwicklung des Menschen als Jäger in einer ersten Jagdtheorie nachgewiesen hat erscheint mir dem Geist der Bücher-Verbrennungs-Mentalität des Naziregimes verdächtig nahe zu kommen. Es gehört aus dem Aspekt der Bewahrung lebendiger Jagdkultur zum Selbstverständnis des FORUM, Jägerinnen und Jägern durch den Hinweis auf erheblich inkriminierte Fehlformen von „Jagdkultur“ dieser Art rechtzeitig den kritischen Blick für mögliche Fehlentwicklungen zu öffnen.

In mittelalterlicher Mentalität mit Kreuzzugsideen gehen ideologische Fundamentalisten des Schöpfungsglaubens gegen die Fakten der Evolutionsforschung vor und sie wollen mit aller Gewalt bis hin in den Schulunterricht den Schöpfungsbericht der Genesis als Wissenschaft etablieren. Insoweit sind am Beginn des dritten Jahrtausends unserer Zeitrechnung sehr einflussreiche gesellschaftliche Elitegruppen auch auf dem Felde der Jagd hoch aktiv. Folgt man ihnen nur an einem Beispiel ihrer Wissenschaft like Genesis, dann besteht der moderne Mensch erst seit etwa 6000 Jahren, also seit dem Zeitpunkt der göttlichen Schöpfung. Die aus einer darwinistischen Theorie zum wissenschaftlichen Beweis mit intersubjektiver Anerkennung (Paradigma) zum Faktum emanzipierte Evolution wird heute wohl von keinem ernstzunehmenden Wissenschaftler mehr in Zweifel gezogen. Die Schöpfungsgläubigen Ideologen bzw. Fundamentalisten aber strengen sich an, dieses Faktum der exakten Wissenschaften als geistige Verirrung, als Teufelswerk zu diskreditieren.

Viele Jäger sind irritiert und sie fragen sich folglich, wie im Widerstreit zwischen ihrem religiösen Glauben und den Fakten dieser Welt eine ausgewogene Einstellung gefunden werden könnte.

Einerseits sind wir alle der vom Grundgesetz geforderten Toleranz verpflichtet, andererseits blicken gläubige Christen auf eine ernstzunehmende fundamentalistische Ideologie, die gerade den christlichen Glauben im Schilde führt, aber mit diesem zum Kampf gegen Toleranz angetreten ist. Zurück also ins Mittelalter, zurück zu den Kreuzzugsphantasien? Toleranz des Handelnden stößt dort an ihre Grenze, wo die eigene geistige oder biotische Existenz in Gefahr gerät und die eigene Kultur einer existenzialen Bedrohung ausgesetzt ist.

Der Irrweg des schöpfungsgläubigen Fundamentalismus

Wie immer auch der gesellschaftliche Diskurs in dieser Frage einmal entschieden sein wird: Der gottgläubige Jäger darf im Angesichte der geheimen Offenbarung darauf vertrauen, daß sein Glaube wohl nicht einer subtil-diabolischen Strategie zum Opfer fallen wird, die wir jüngst am Beispiel des Kreationismus erfahren müssen. Sowohl Papst Benedikt XVI. als auch der europäische Episkopat anerkennen die Gesetze der Evolution. Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn hatte jüngst mit einer aufrüttelnden Frage ein Bekenntnis der katholischen Kirche zum Menschenbild der modernen Naturwissenschaft in Gang gebracht: will die katholische Kirche weiterhin an ihrer grundlegenden, vom heutigen Papst bekräftigten Lehre festhalten, wonach Evolution und Schöpfungsglaube, Naturwissenschaft und Theologie sich nicht widersprechen? Gegen diese Position steht die Lehre des Kreationismus, der vor allem in Amerika mit Erfolg gegen die Vermittlung der Evolutionslehre im Schulunterricht Sturm läuft. Zur Zeit ist diese religiös fundamentalistische Strömung in Deutschland nicht minder erfolgreich. Ein Biologielehrer an einem hessischen Gymnasium hatte die naive Schöpfungsgläubigkeit der Genesis als Lehrfach für Kulturanthropologie eingeführt und dafür Darwins Evolutionslehre vom Lehrplan des Unterrichts beseitigt. Jüngst musste sogar ein Landgericht in Hessen gegen eine Praxis solcher Art einschreiten, um die Einführung der Genesis als Evolutionslehre im Biologieunterricht zu verbieten.

Es liegt in der logischen Tradition der Vernuftweise des früheren Kardinals Joseph Ratzinger und heutigen Papstes Benedikt, Religiosität mit naturwissenschaftlichem Wissen in aufgeklärter Absicht zu verbinden. Deshalb versammelte er auch einige seiner früheren Studenten zum kompetent kommunikativen Diskurs in Castelgandolfo, um dort das Thema „Schöpfung und Evolution“ mit einer Glaubensüberzeugung, sozusagen mit einem religiösen „Paradigma“ auf eine gültige universell anwendbare Ebene des Denkens und Verstehens zu bringen. Mit dabei war der bekannte Philosoph Robert Spaemann, der in FAZ, 7. September 2006.Nr. 208/35 (Feuilleton) über den Gegenstand und das Ergebnis referiert.

Hier zeigt sich auf katholischer Seite immerhin ein Ansatz der Vermittlung, der den Schöpfungsglauben nicht aufgibt, die naturwissenschaftlichen Fakten aber nicht in Frage stellt, sondern diese als Folge einer Schöpfung in den Blick nimmt. Mit diesem Ansatz wird zugleich der kindlich-naiven Vorstellung vom lieben Gott als dem Mann mit langem Bart, vom Paradies der Bilderbuchschilderung der Genesis und vom Sündenfall am Apfelbaum eine intelligente Absage erteilt. Dennoch, Moses und Jesus belügen das Volk nicht, sondern sie benutzen Metaphern, um den bis heute in Angelegenheit abstraktes Denken minimalistischen Verstand nicht ganz in die Irre geraten zu lassen. Die Methode hierzu scheint der transzendentalen Dialektik von Immanuel Kant ihre wesentlichen kognitiven Elemente entlehnt zu haben.

Lebendige Jagdkultur wäre nicht lebendig bzw. sie wäre weder aufgeklärt noch aktuell, wenn sie nicht dem Jäger unserer Zeit wenigstens die Chance geben würde, zwischen geistigen Rattenfängern und dem Faktum Vernunft, die seine Jägerwürde erst im Jägerethos gesellschaftlich glaubwürdig sein lässt, eigenverantwortlich zu unterscheiden.

Damit erweist sich dieses Denken auf der respektablen Ebene von Immanuel Kant aus dem Aspekt der transzendentalen Erkenntnis. Wir besitzen folglich eine Erkenntnisart, die nicht durch äußere Gegenstände uns Wissen vermittelt. Wir können vielmehr a priori, also vor aller Erfahrung über ein Wissen verfügen, das es uns außerdem erst ermöglicht, zu einer Erkenntnis aus Erfahrung zu gelangen. Damit verhält sich Kant naturwissenschaftlich, wenngleich n.s.A. innerhalb der Grenzen der reinen Vernunft. Er übersteigt aber damit nicht das Bewusstsein (das wäre transzendent), sondern Kant bleibt gewissermaßen ein Naturwissenschaftler der Metaphysik.

Auch über Kants Philosophie breitet sich ein Geheimnis, das zum relevanten Thema passt: Wer weiß denn schon, daß dieser größte Philosoph der Neuzeit mit seiner Kritik der reinen Vernunft und anderen Werken nichts anderes zu erlangen trachtete, als Gott zu beweisen? Es ist ihm nicht gelungen. Im Opus posthumum sagt Kant: Gott ist eine Idee. Aber diese Idee ist Wirklichkeit.

Wir Jäger sollten beruhigt weiter an Gott glauben und auf ihn vertrauen. Selbst dann, wenn ab und zu solch ein Kappes dabei herauskommt, wie ihn ein Internetbesucher des FLJ auf der Forenseite im TOP Jagdrecht zum Ausdruck bringt. Der richtige Weg also ist dieser: Für den gläubigen Jäger, und freilich nicht bloß für diesen, bedeutet die biotische Evolution eine Strategie, ein Mechanismus der Schöpfung! Hierbei begleitet uns Kants Philosophie im Ausgang von Aristoteles und hiermit sind wir zugleich in Kants Sinne aufgeklärte Jägerinnen und Jäger mit einem angemessenen Verständnis von Freiheit und Moral.

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Stand: 07.01.2008