KULTURGUT JÄGERSPRACHE AM BEISPIEL VON WILD UND HUND

Was können Jägerinnen und Jäger überhaupt tun, um Jagdkultur praktisch sein zu lassen, um sie zu pflegen? Das jagdkulturell Erstarrte und Gewordene pflegen viele Jägerinnen und Jäger durch eine Form der Erinnerungskultur, die Jagdschriftsteller mit einem belletristischen Anspruch wie beispielsweise Hermann Löns, Friedrich von Gagern oder von Cramer-Klett in den Mittelpunkt stellt.

Das Gewesene wird aus der Sicht von Form und Stil, Inhalt und Sprache in oft unangemessener Überhöhung zelebriert oder im Ausdruck falscher Resignation beklagt, als gäbe es unter den zeitgenössisch-modernen Jägerinnen und Jägern keine kulturell vergleichbaren Bezugsgrößen und Initiativen mehr. Eine kulturelle Persönlichkeit aber erstarrt nicht im Aufblicken zu früheren kulturellen Hochleistungen. Sie internalisiert deren Werte und Normen und leistet mit dem kulturellen Erbe kreativ und innovativ sowohl Bewahrung als auch Erweiterung. In solchem Aufschein liegt das Image des kultivierten Jägers unserer Zeit. Er lebt es und er zeigt es auch im Ausdruck z.B. von Jägersprache und Habitus.

Die jagdpolitisch und jagdkulturell führende europäische Jagdzeitschrift WILD und HUND hat unter der Ägide des intellektuell quirligen Chefredakteurs Dr. Karl-Heinz Betz vielleicht noch rechtzeitig genug an den Zeitzeichen erkennbarer Verwahrlosung der Jägersprache ein Menetekel für den jagdkulturellen Niedergang wahrgenommen und ebenso mutig wie progressiv im Interesse der lebendigen Jagdkultur gehandelt: Seit Mai 2006 (Heft Nr. 9/06 von WuH) erschien in dieser Jagdzeitschrift eine Serie unter dem Titel „Wild und Hund in der Jägersprache“. Spiritus Rector dieser Initiative ist der Chefredakteur Dr. Karl- Heinz Betz. Mit filigraner Detailtreue hat die Künstlerin Birte Keil hierbei dem Betrachter Wildtier und Hund so dargeboten, dass die graphische Technik naturalistische Wirkung und Wahrnehmung erzeugt, um im Jägerhirn bildhafte Vorstellung mit begrifflichem Wissen zu synthetisieren. Die Augen des Wildes, in der Jägersprache Lichter genannt, besitzen eine metaphorische Anmutung, die den Belletristen begeistern kann. Es sind die Lichter (Augen) eines Lebewesens, durch die bekanntlich seine Seele leuchtet: Ist diese Bezeichnung nicht zugleich eine anschauliche Metapher mit der das Indirekte, das im Lebewesen dahinter Liegende mit zum Ausdruck gebracht wird? Blicken wir in die brechenden Lichter eines Tieres, wenn der Tod naht und sprechen mit der Lebensphilosophie des Martin Heidegger von verenden, schwingt dann nicht in dieser Metaphorik der Jägersprache konnotativ das ganze Universum des Lebendigen mit?

Hier kann die Unendlichkeit des Alls den wachen, den ernsthaften Jäger, der dafür eine Antenne hat, z. B. der künstlerische, der schöpferische, der kultivierte und sensible Mensch in diesem einen Augenblick und in diesem einzigen Mikrokosmos Tier, in dessen brechenden Lichtern sich das Verenden ankündigt, anrühren und zur Ehrfurcht vor der Natur nötigen.

Für diese Leistung, am Beispiel der Jägersprache den roten Faden praktisch lebendiger Jagdkultur aufgezeigt zu haben, dankt das FORUM Herrn Dr. Karl-Heinz Betz mit seinem Redaktionsteam. Mit Freude und Hochschätzung registrieren wir das künstlerische Geschick von Birte Keil durch lebendige und ausdrucksvolle Wildmotive bei Gemütern romantischer wie streng sachlicher Veranlagung gleichermaßen Aufmerksamkeit zu erwecken. Wie jede Sprache überhaupt, so ist auch die Entwicklung, die Form und Pflege der Jägersprache an allererster Stelle ein Indiz für Blüte oder Zerfall der Kultur, der Jagdkultur.

Soeben wurde in WILD und HUND die Serie zur Jägersprache beendet. Sie war hoch verdienstlich im Interesse der Kultur, war sie aber auch effizient auf Dauer ? Dr. Karl-Heinz Betz wusste auch hierauf die richtige, die praktische Antwort! Er ließ eine Broschüre drucken, die alle oben genannten Beiträge seit Mai 2006 enthält. Titel: Wild und Hund in der Jägersprache (zu beziehen für 6,90 € bei Paul Parey, Bestell-Nr. 10010205). Vielleicht eine gute Pflichtlektüre, so meint das FORUM, für Ausbilder von Jungjägern und für alle Kursteilnehmer. Bildet doch die Jägersprache ein kulturelles Fundament für Identifikation innerhalb der sozialen Gruppe der Jäger.

Die Jägersprache ist wohl darüber hinaus ein exorbitant kulturevolutives Bindeglied zwischen Generationen von Jägern und ihrem jagdkulturellen Selbstverständnis. „Der Mensch ist nur Mensch durch die Sprache“ urteilt Alexander von Humboldt. Auch Oswald Spengler weist in dem berühmten kulturpessimistischen historischen Monumentalwerk „Der Untergang des Abendlandes“ (Kulturzyklentheorie nach dem Naturmodell von Entstehen, Werden und Vergehen, DVA, 1928) darauf hin, dass aus der Gruppensprache der einfachen Jägerschichten eines Volkes jede kulturelle Entwicklung ihren Ausgang nahm.

Manche Jäger (Funktionäre) haben Grundregeln der Evolution vielleicht nicht richtig begriffen und meinen, man müsse sich dem Zeitgeist anpassen und zum Beweis dafür müsse man sich vom Brauchtum, z.B. von der strengen Übung der Jägersprache abwenden. Einige von ihnen treten z.B. bei Gesellschaftsjagden habituell so „fortschrittlich“ gewandet auf, dass man sie in ihrem jagdlichen Rüstzeug nur noch durch den fehlenden Stahlhelm von einem ins Feld ziehenden NATO-Soldaten unterscheiden kann.

Sie wissen nicht, dass die biotische Evolution zwar auf diese Weise durch Anpassung darwinistisch funktioniert. Die kulturelle Evolution aber zieht lamarckistisch ihre Bahn. Man könnte geneigt sein, diesem supermodern erscheinenden Jäger mit Johann Wolfgang von Goethe zuzurufen: Wenn ihr`s nicht fühlt, ihr werdet`s nie erjagen. Wenn es nicht mit unbändigem Behagen aus eurer Seele Tiefe dringt.

Nicht die Gene bzw. Allele tradieren Jagdkultur, sondern die geistigen Komponenten nachwachsender Generationen übernehmen durch Lernen und Umsetzen der kulturellen Leistungen früherer Generationen z.B. mit der Jägersprache das, was wir KULTURGUT nennen. Träger dieses Gutes ist jagdliche Erinnerungskultur z.B. mit der Pflege der Jägersprache als Junktim zur lebendigen Jagdkultur, die durch solche Verschränkung überhaupt erst ermöglicht wird. Denn: Wer dem Baum die Wurzeln abschlägt kann keine Blüten erwarten!

Zum Vorteil lebendiger Jagdkultur kann demgemäß die Initiative von Wild und Hund zur Jägersprache nicht hoch genug geschätzt werden. Es gibt eine Instanz, die organisatorisch und rechtlich in der Lage bzw. funktional dazu berufen und fähig wäre, solche Erkenntnisse durch Festschreibung für die Jägerprüfung regelhaft zu institutionalisieren. Jagdliche Traditionen, das Brauchtum, die überkommenen Werte und Normen der Jäger (z.B. das moralische Gefühl Waidgerechtigkeit) sind der Ast, auf dem die Zukunft des deutschen Waidwerks im hergebrachten Sinne ruht. Wer ihn vertrocknen lässt, der darf sich nicht wundern, wenn der Ast bricht, der ihn zur Zeit noch trägt.

Natürlich wissen die „Jagdwender“, dass ihre Strategie eine Kulturwende bedeutet. Sie argumentieren aus einer oft gut begründeten Ideologie heraus. Lebendige Jagdkultur darf sich nicht rational beirren lassen, weiß sie doch, dass Jagd Erleben bedeutet. Die von Passionen angetriebene Jagdmotivation vollzieht sich im Menschen eben genau so emotional wie vergleichbare triebverschränkte Prozesse auf anderen Feldern seiner Vitalität. Die gut bestätigten Ergebnisse der aktuellen Hirn- und Hormonforschung werden nicht müde darüber aufzuklären, dass der Mensch kognitive (also kulturelle, geistige) Leistungen nur dann in hoher Vollendung zu erbringen vermag, wenn er sich zu seiner Emotionalität zurückneigt und von der dümmlichen Absicht befreit, zwischen der limbischen Sphäre des Gehirns (Sitz der Emotionalität und aller vitalen Stimuli) und dem neokortikalen Bereich eine Barriere aufzubauen, die oft mit Selbstkontrolle verwechselt wird.

Von Dr. Günter R. Kühnle

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Stand: 07.01.2008