Lebendige Jagdkultur?

Jagdkultureller Fortschritt überschreitet mit weltweit akzeptieren Normen Erinnerungskultur und sichert die Zukunft einer universalen Lebensform Jagd


Foto: Autor Paul Müller

Der späteiszeitliche Picasso hatte ganze Arbeit geleistet. Im Todeskampf stampfte der zottig rote Wisentbulle auf mich zu. Weit aufgerissen die vom Tod gezeichneten Lichter; Kühe und Kälber, die Herde in panischer Flucht. Das war 1963 in der damals für den Publikumsverkehr noch geöffneten Höhle von Altamira, wo ich als junger Zoologiestudent meinem Lehrer Gustaf de Lattin folgend, erstmals mit der Vorstellungswelt europä­ischer Jägerkulturen wesensnah in Berührung kam. Mit Naturocker und Roteisenstein, mit wenigen, alles ausdrückenden Linien, hatten die unbekannten Künstler den roten Wildrindern zu ewigem Leben verholfen. Der sterbende Wisentbulle von Altamira zeigte mir, dass wir uns, obwohl wir unser naturwissenschaftliches Wissen und unser technisches Können in den letzten 10 000 Jahren perfektionierten, emotional nicht oder nur kaum weiterentwickelten. Die Seele des Jägers lebt in uns, wir folgen bewusst oder unbewusst einem Trieb, der für die späteiszeitlichen Jägerkulturen überlebenswichtig war. Der rote Wisentbulle von Altamira ist eines der beeindruckendsten Kunstwerke europäischer Jagdkulturen. Es war nicht nur ein Rembrandt, nicht nur ein Picasso, es müssen viele gewesen sein, denen der Jagdzauber zum Bannen des Wildes gleiche künstlerische Kraft und Ausdrucksstärke verlieh. Das Bild eines von einem Wisentbullen zerfetzten Jägers, darüber ein Vogel auf einem Zweig, ein ergreifendes Dokument in der Höhle von Lascaux, zugleich Beleg für die Vorstellungswelt unserer Vorfahren.

Das waren Jägerkulturen; Lebensform und Wesen stimmten überein, Normen und allgemein akzeptierte Institutionen bildeten eine Einheit. Nach dieser Einheit habe ich in den letzten 40 Jahren in den wildesten Erdgegenden gesucht; bei Indianerstämmen Amazoniens, bei Arborigines Australiens, bei Eskimos, Pygmäen oder Buschleuten. Ihre Augen leuchten noch, wenn sie jagen, aber ihre Jägerkulturen sind meist nur noch „Erinnerungskulturen“, die in Erzählungen reanimiert werden.

Lebendige Jagdkultur im Ausdruck des Wandels zu universellen Normen

Der Wind des Wandels weht seit langem um die Welt, und wir steuern immer schneller, auch getrieben von unseren Kommunikations- und Informationstechnologien auf eine Welt-Industrie-Zivilisation zu. Alle Normen, alle Institutionen, auch die der „Jagdkulturen“ befinden sich auf dem Prüfstand. Die feinen Unterschiede zwischen Kultur und Zivilisation spielen dabei keine Rolle. „Vergleichende Kulturwissenschaften“ können Unterschiede definieren aber nicht fixieren. Auch sie müssen verstehen, dass Wissenschaft selbst das in Frage stellen muss was wir lieben. „Lebendige Jagdkultur“ ist aktive Auseinandersetzung und Suche nach neuen Normen. Es geht dabei nicht um Manifestation unserer „Erinnerungs-Kulturen“, nicht um Ersatz oder gar Imitation eines Cramer-Klett oder eines von Gagern, nicht um dilettantisches Nachahmen meines Altamira-Picasso. Kultur besitzen und Kultur schaffen erforderten immer kategorische Fähigkeiten und einen Kampf gegen die Natur. Kultur ist Schöpfung gegen die Natur, auch gegen unsere eigene. Wir können zwar für die letzten Jägerkulturen eintreten, wie für gefährdete Arten; wir können unsere „Erinnerungskulturen“ pflegen, das literarische und künstlerische Vermächtnis unserer Ahnen; wir können unsere Traditionen pflegen, unsere Musik und unsere Zeichensprache; wir können unsere Lebensform als Jäger verteidigen. Aber wir sollten bei alledem nicht vergessen, dass die Zukunft unserer Lebensform „Jagd“ nicht durch Pflege des Vergangenen zu sichern ist, sondern nur durch aktive Auseinandersetzung mit der Gegenwart.

Unter dem Anspruch von Jagdkultur: Ehrlichkeit und Qualität der Argumente!

Es ist die Qualität der Argumente die entscheidet und die transparente Ehrlichkeit. Es geht nicht um „Weidgerechtigkeit“, „Tierschutzgerechtigkeit“, Naturschutzgerechtigkeit“, besonders nicht um „Selbstgerechtigkeit“. Die Argumente tragen am weitesten, die als weltweit akzeptierbare Normen umgesetzt werden können. Sie müssen von der Bevölkerung von New York ebenso akzeptiert werden, wie von jener in Wanne-Eickel, von Menschen in Afrika ebenso wie von Menschen in China. Weltweit gehen Menschen auf die Jagd; Jagd als Lebensform ist universal. Es bedarf nur einer Überprüfung und wo nötig Veränderung unserer kulturspezifischen Normen. Eine „lebendige Jagdkultur“ muss sich dieser Aufgabe stellen; sie darf nicht nur „Erinnerungskultur“ sein.

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Stand: 20.12.2006