Jagd-Kulturpolitik
 
Jagdkultur ist als eine neben vielen anderen Subkulturen den Kulturraum bestimmenden Leitkultur zu verstehen. Die „Deutsche Leitkultur“ ist die europäisch-abendländische Kultur. Sie umgreift also als kulturelles Band auch andere europäische Nationen. Sie bedeutet das Konglomerat der Trias Antike, Christentum und Germanentum in der heute kulturevolutiv gewachsenen modernen Gestalt. Aus ihr ergibt sich das Identifikationsverständnis einer Gesellschaft als Wertegemeinschaft. Mit der Überbetonung einer multikulturellen Gesellschaft geriet inzwischen das Bewusstsein von Wertrelationen zu ihrem kulturellen Substrat ins Wanken mit der Folge kulturparalytischer Erscheinungen. Egoismen werden deshalb zur Bestimmung von Werten und darauf beruhenden Normen für viele Bürger als Handlungsorientierung motivationssteuernd. Die Zweckmäßigkeit scheint im Konkurrenzkampf mit Gewissensentscheiden zu obsiegen.

In der Jagdpolitik nimmt die Kulturpolitik ,anders als im allgemein politischen Raum, eine eminente und für die Interessen der Gruppenmitglieder (Jäger) zu ihrer spezifischen Existenz als Jäger wichtige Position ein, auch wenn das bisher von den Verantwortlichen mangels zulänglichem Wissen nicht erkannt, ja völlig verschlafen wurde! Aus ihrem traditionellen Selbstverständnis (Waidwerk, Jäger als Ökosystemschützer usw.) besitzt die deutsche Jägerschaft gegenüber vielen, heute dominanten anderen Subkulturen im Lande eine nicht hoch genug einzuschätzende Überlegenheit: Sie könnte ein Vorbild hergeben dafür, daß und wie das Menetekel der oben aufgezeigten drohenden Kulturparalyse in der Gesellschaft zu einem Werte-Bewußtseinswandel führen und damit als gesamtpolitisch stabilisierendes Element einer kulturellen Selbstaufgabe entgegenwirken wird.

Die Jägerschaft als Element einer sozialen Ordnung
 
Wenn sich eine Gruppe, die Jäger, als ein „Wir“ empfindet, von dem eine oder mehrere andere Gruppen als „Sie“ (eben die anderen) ausgegrenzt werden, so hat dies unweigerlich weittragende Konsequenzen für Politik. Nach der kollektiven Identität der Jäger also ist zu fragen. Als kulturelles Subsystem unserer Leitkultur bildet die Jägerschaft zugleich ein Element unserer sozialen Ordnung. Soziale Ordnungen selbst sind ein Resultat der sowohl biotischen als auch (in weit höherem Maß) kulturellen Evolution. In beiden wirken Selektionsmechanismen. Kulturelle Selektion findet sowohl zwischen den unterschiedlichen sozialen Ordnungen, die miteinander konkurrieren, als auch innerhalb ihrer z. B. hinsichtlich alternativer Handlungsweisen statt. Sitten und Brauchtum sind das herausragende Identifikationsmerkmal differenter sozialer Ordnungen. Sie dienen der Legitimierung des jeweiligen Verbandes und sind zugleich im Inneren Schutz gegen Auslösungstendenzen.

Menschen mit einer kollektiven Identität müssen erstens gemeinsame Bewusstseinsinhalte haben. Dieses Ziel zu erreichen ist eines der wichtigsten Aufgaben der Jagd-Kulturpolitik. Zweitens müssen sie auch wissen, daß sie über gemeinsame Bewusstseinsinhalte verfügen. Ja, sie müssen drittens sogar wissen, daß alle anderen wissen (Außenperspektive), daß sie über gemeinsame Bewusstseinsinhalte verfügen: Erst diese Steigerung der Reflexivität in die dritte Potenz errichtet kollektive Identität. Hier und nur hier liegt das weite Feld einer künftigen Jagd-Kulturpolitik, die das FLJ zu leisten entschlossen ist. Praktisch kann die Vermittlung von gemeinsamen Bewusstseinsinhalten bzw. das individuelle Wissen des Jägers hierüber durch Jagdliteratur, Lyrik, Kunst und durch die Jagdmedien erfolgen, die zur Wahrnehmung und öffentlichen Präsentation des Geisteslebens innerhalb der Jägerschaft eigentlich an erster Stelle berufen wären. Allein schon das verlegerische bzw. redaktionelle Kalkül, daß dadurch die Leserschaft nicht erweitert, vielleicht sogar abgeschreckt werden könnte erweist sich als ein bedauernswertes Zeichen der jagdkulturellen Paralyse mit allen oben angedeuteten Folgen für die Gruppe der Jäger überhaupt.

Identitätskrise der Jäger
 
Aktuell weisen deutliche Anzeichen auf eine Krise der kollektiven Identität der Jägerschaft hin: Die Abnahme der Identifikation von Jäger-Individuen mit dem Kollektiv, zu dem sie sich bisher gerechnet haben. Die Ursachen derartiger Krisen entsprechen oft denjenigen individueller Identitätskrisen: der Rückgang gemeinsamer Überzeugungen, Interessen und Werte; die Vernachlässigung identitätsstiftender Symbole; der Verfall des in jägerischen Traditionen repräsentierten kollektiven Gedächtnisses; der Verlust des Glaubens an eine gemeinsame Zukunft; die Wahrnehmung von Diskontinuitäten in der eigenen Geschichte.

Die Jagd-Kulturpolitik des Forum Lebendige Jagdkultur e.V. kann allerdings nur versuchen, vor- und umsichtig das Wir-Verständnis einer Gruppe (der Jäger) auf ein Identifikationsprinzip hin auszurichten, das nicht durch das gemeinsame Interesse an Waffen, Revieren und Jagdmöglichkeiten, an Hundewesen und Jagdtouristik an „Bumm und Um“ orientiert ist, sondern sich als das emotionale und geistige Element einer jägerischen Lebensform zu begreifen versteht. Entsprechende Eliten als wegbereitende Akteure wären wünschenswert, falls es sie denn gibt.

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