Arthur Schubart – ein vergessener Dichter?

Ein belletristisches Juwel mit herausragenden schriftstellerischen Fähigkeiten ist nicht immer Garantie für das Fortleben der literarischen Besonderheit in der immer aktuellen Wahrnehmung der Menschen. In Vergessenheit gerät schnell der Künstler, dem, modern gesprochen, eine Lobby Überzeitlichkeit nicht sichert. Wer als Literat in seiner Zeit begehrt und hoch geschätzt war, der muß es nach aller Erfahrung nicht ohne weiteres für seine Nachwelt sein. Der Stil, der den Text prägt, die Seele des Autors, die durch die Zeilen hindurch scheint und den Leser wie von Engelshand geleitet bewegt und zu faszinieren vermag, beide sind Kräfte, die einem Zeitgeist zum Opfer fallen können, so überzeitlich ihr Charakter auch sein mag. Wer als Autor aber mit dem Zeitgeist vermählt ist, der wird bald ein Witwer sein! Arthur Schubart jedenfalls war es nicht, und seine Lyrik, seine belletristische Schriftstellerei bringen das zum Ausdruck, was Menschen, insbesondere Jäger schon immer bewegt hat und immer bewegen wird: Das „Himmlische im Menschen“, wie Max Scheler diese Bezugsgröße als Titel für sein reifstes und am meisten gelesenes Werk gewählt hat. Mir scheint es höchst verdienstlich und ein Gewinn für die Jagdkultur obendrein, dass FLJ-Mitglied Fritz Bergner den Schleier des Dunkels der Vergessenheit, der sich lange Zeit über Schubarts Werk ausgebreitet hatte mutig gegen den Zeitgeist verdrängte und uns auf das Leuchtende, das Immerwährende in der Kunst dieses Schriftstellers aufmerksam macht.


Arthur Schubart


Skizze aus „Schattenschnitte“

Im Morgengrauen

Der blasse Frühlingsmorgen schleicht den Steilhang herab, aus dessen verschwommenen Düsterbraun matte Schneeflecken blinken. Hie und da zwitschert schlaftrunken ein eben erwachter Vogel in den blattlosen Buchen, trüb lugt der bleichgraue Himmel ins Hochwaldzwielicht.

Ich sitze auf einer entwurzelten Fichte und schaue nachdenklich nieder auf den eben erlegten Urhahn, der schwarzgrün, voll tiefernster Vornehmheit, im fahlen Schneeleuchten liegt.

Aus dem wachsgelben Schnabel fallen hellrote Tropfen schwer und langsam in den bläulichen Schnee, und dieser trinkt sie, gierig wie vorher die Nacht die Silbertropfen getrunken, die aus demselben Schnabel gequollen waren, als er noch singen konnte...gierig wie vorher mein Ohr das leise Zauberlied geschlürft, mit dem der tote Raugraf hier den Bergwald erweckt hatte aus langem Winterschlaf.

Unverwandt schaue ich auf die sachte niedertropfenden Rubine, und schwer wird mir ums Herz. Nicht weil ich ein unschuldiges Leben, einen Sänger, ein Kunstwerk der Natur in seiner Vollkraft zerstört, auch nicht weil ich den Tod gerufen habe in das geheimnisvolle Werden der Frühlingsnacht...nein, weil dieser ein Vielzuseltener war, die sich nicht anpassen, die ihrer Liebe, der Wildnis, treu bleiben bis in den Tod und sterben, wenn diese sterben muß unter der Axt des unersättlichen Menschen.

Wehmut beschleicht mich, weil ich die Heimat, die arm gewordene, wiederum ärmer gemacht habe um einen Sprossen des letzten deutschen Tieruradelsgeschlecht, das sich in unseren verödeten Wäldern allein noch behauptet auf verlorenem Posten...

Trauer erfüllt mich, weil ich einen von denen getötet habe, die in ihrer Liebe zur Einsamkeit, Dämmerung, Freiheit und Wildnis meinem eigenen Wesen so innig verwandt sind, und weil ich zugleich weiß, daß ich dennoch aufs neue töten werde aus dem beseligenden Beutetrieb heraus, der mich immer und immer wieder zwingt, das zu zerstören, was ich am meisten liebe.

So saß ich und starrte nieder auf den roten Schnee und den schwarzgrünen Fürsten der Dämmerung, dem auch das schonungslose Tageslicht nichts nehmen konnte von seiner tiefernsten, vornehmen Schönheit...


Schubarts Lyrik und Prosa im Spiegel seiner Zeit

Der Münchener Schriftsteller und Lyriker Arthur Schubart, passionierter Jäger und Angler aus Leidenschaft, vom Beruf Jurist, lebte von 1876 bis 1937. Dieser Dichter, zu Lebenszeiten hochgeschätzt, Verfasser von 60 Büchern und kleineren Bändchen, ist heute zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Wenigen ist der Name Arthur Schubart ein Begriff. Der großartige Jagdschriftsteller Ludwig Benedikt Freiherr von Cramer-Klett, in dessen Aschauer Revieren der Dichter häufig Jagdgast war, erwähnte ihn öfters in seinen Erzählungen. In einem seiner Bücher beschrieb der Freiherr die Novelle „Bergfrühling“ von Arthur Schubart als eine der schönsten und stimmungsvollsten Schilderung, die jemals über die Jagd auf den Kleinen und Großen Hahn geschrieben oder besser gesagt gedichtet worden ist. Er verfaßte schon 1936 eine ausführliche Würdigung des Dichters, die in der Zeitschrift „Österreichisches Weidwerk“ veröffentlicht wurde.

Die Jagdzeitschriften brachten bis in die Zwanziger Jahre hinein in fast jeder Ausgabe Gedichte, jagdliche Sinnsprüche und häufig auch Kurzgeschichten von Schubart. Der Parey-Verlag veröffentlichte in seiner Jagdzeitschrift „Wild und Hund“ eine Serie von insgesamt 37 Gedichten, die seitengroß von dem bekannten Jagdmaler und Illustrator Karl Wagner künstlerisch gestaltet wurden. Auch in der „Deutschen Jäger-Zeitung“ wurden in ähnlicher Weise in kleinerem Format Gedichte von Schubart von den Künstlern Feußner und Buddenberg illustriert.

Der Dichter war aber nicht nur bei den Jägern beliebt. Viele Skizzen, Studien und Glossen mit moralischen Hintergedanken ohne jagdlichen Bezug finden sich in seinem Gesamtwerk. Besonders seine Tierbücher erfreuten sich großer Beliebtheit. Von den 60 Büchern des Dichters haben jedoch mehr als die Hälfte einen jagdlichen Inhalt oder einen jagdlichen Hintergrund. Seine drei Gedichtsbände „Aus St.Hubertus Reich“, „Hubertusbilder“ und „Neue Hubertusbilder“ –das erste ist bereits 1904 erschienen– befassen sich ausschließlich mit der Jagd. In kurzen, klangvollen und reimlosen Versen offenbart er stimmungsvoll mit ganzem Jägerherzen seine Empfindungen beim Weidwerk im Gebirge, aber auch in der Ebene, an der See oder in den Wäldern Norwegens. Seine ganze Jagdleidenschaft galt jedoch dem Weidwerk in den bayerischen Bergen und fand Niederschlag in vielen Gedichten. Dabei klangen immer wieder neue Saiten menschlichen Fühlens und Sinnens an. Für sein gesamtes lyrisches Werk hat der Dichter mit wenigen Ausnahmen den freien Rhythmus gewählt und konnte so ungebunden an den Reim seine Gedichte mit elementarer Wortwahl zu poetischen Meisterwerken gestalten.


Aus „Neue Hubertusbilder“:

Gedenken
Von einem Hegegang nachhause wandernd
Durchs Schattenblau des tief verschneiten Waldes,
Laß ich den Tag an mir vorüberziehn,
Der reich an Mühn war, reicher noch an Freude...
Und Er, der beide stets mit mir geteilt,
Mein Neck, mein unzertrennlicher Begleiter
Seit manchem Jahr, fehlt heut zum erstenmal..
Dort drüben schläft er, wo die Kiefern glühn
Im letzten Rot...sechs Wochen werden´s morgen!
-Soll ich auch heute noch zu ihm hinüber?
Der Schnee liegt tief, die Schatten werden lang,
Und reichlich müd bin ich von schwerem Marsche...
Soll ich vorübergehn?!—an dem Getreuen,
Dem keine Müh zu groß, kein Weg zu weit
Zeitlebens war, um seinen Herrn zu dienen ?!
Nein, kostet´s mich auch eine halbe Stunde
Pfadlosen Stapfens, seinen Tannenbruch
Soll er auch heute auf dem Hügel haben...


Im März
Feucht ist der Abend, kühl der schwache Wind,
Der Himmel leicht bedeckt, nur fern im Westen
Zieht sich ein schmaler Streifen matten Goldes
Durchs blasse Grau...
Drei bleiche Birken stehen zart und zierlich,
Wie fröstelnd in des Frühlings Dämmerschauern,
Gleich feinen Mägdlein mit gelöstem Haar,
Die ratlos tuschelnd sich zusammendrängen.
Im düsteren Altholz drüben heult ein Waldkauz,
Die Schlüsselblumen werden seltsam fahl
Und aus dem Torfmoor steigen feine Nebel.
Jetzt zittert einer Himmelsziege Meckern
Aus der umflorten Höhe hell herunter,
Schon geistern Enten sirrend durch das Zwielicht,
Doch späh und lausch umsonst ich – keine Schnepfe...
Nun wart ich heut zum viertenmal vergebens,
Ist´s doch zu früh?!...Da fällt im Forst ein Schuß,
Ein zweiter gleich darauf, jetzt wieder einer...
Dann wird´s rasch Nacht...Zufrieden schreit ich heimwärts:
Mißlang´s auch heut, so glückt´s vielleicht doch morgen,
Weil sie nur wieder da sind, endlich wieder!!...


Im Schummerlicht
Durchs violette Rot der Erlenwipfel
Schwankt sie heran die heißersehnte Erste
Und taumelt nieder in die Märzenglöckchen,
Von meinem Schuß gepflückt...
Ich springe hin, ein letztes schwaches Plustern
Weist mir den Weg, und während sammetweich
In meine kalte Hand sich schmiegt die Warme,
Streich über das Gefieder ich ihr schmeichelnd.
Wie oft schon hab ich dieses Glück gekostet
In linder Frühlingstage Abendschauer!
Und doch bleibt´s ewig jung und ewig neu -
So wie der Lenz, das Schaffen und die Liebe...

Arthur Schubarts Domäne jedoch sind die Kurzgeschichten. Sie zeichnen sich aus, ob dramatisch oder humorvoll, ob gefühlvoll oder sarkastisch, durch eine prägnante kurze Pointe, die den Leser am Schluß der Erzählung überrascht. Er beherrscht mit trefflicher Stilistik und außergewöhnlicher Erzählergabe die epische Kleinform der Belletristik, wobei die Jagd eine unerschöpfliche Quelle in seiner Schaffensfreude war. So sind die Bändchen „Kimmerlingers Kavaliere“, „Janners Jagdherrn“ und „Schattenschnitte“ Kleinode der Fabulierfähigkeit Schubarts. Er ist ein Meister in belletristischer Klein- und Feinkunst. Mit zu dem besten dieser Gattung gehört das Buch „Bunte Beute“, in dem sechszehn kleine literarische Leckerbissen in knapper Gestaltung der Themen bei kristallener Klarheit der Form und pikanter Pointengebung dargestellt werden. Die Jagd bildet auch hier wieder den grünen Hintergrund dieser Geschichten.

Mit rein jagdlichem Inhalt sind neben den bereits erwähnten 3 Lyrikbändchen folgende Bücher von Schubart erschienen: Bunte Beute / Grüne Geschichten / Bergfrühling / Mein Wild / Kimmerlingers Kavaliere / Schattenschnitte / Auf Grüngrund / Immergrün / Jägerwege Fräulein Podiphar / Hüttengeschichten / Neue Hüttengeschichten / Erinnerungen aus meiner Heimat / Neues aus meiner Heimat / Janners Jagdherrn / Lichte Geschichten / In nordischer Wildnis / Auf Elchjagd in Norwegen.

© Forum Lebendige Jagdkultur e.V. Alle Rechte vorbehalten. - Kontakt / Impressum
Stand: 03.12.2006