Jäger und Hunde, Akteure in einer majestätischen Symphonie der Natur

Der spanische Philosoph und Kulturanthropologe, José Ortega y Gasset, hat in seiner frühen Jugend passioniert gejagt. Dieses wenigen bekannte Faktum beschrieb und versicherte mir seine Tochter, Soledad Ortega, in Madrid. „Don José`“, wie ihn seine spanischen Freunde auch nennen, war neben seinem Studium in Deutschland auch als Journalist, als Auslandskorrespondent tätig. Sein nachfolgender Beitrag über den Verlauf und die Stimmungen einer Treibjagd wird hier als nach unserer Auffassung gutes Beispiel für jagdliche Belletristik dargeboten. Es zeigt eine gelungene Synthese von sprachlicher Schlichtheit und schöngeistiger Schilderung im Facettenreichtum mannigfaltigen Erlebens bei der Jagd.

Die Angst des Wildes, die das Tier vor Hund und Jäger flüchtig macht, besteht in dem Dasein des Wildes als gänzlich andersartige Befindlichkeit im Vergleich zur Angstform des Menschen, die Martin Heidegger in „Sein und Zeit“ beschreibt. José Ortega y Gasset meint: "Beim Tier ist die Angst etwas Dauerndes, sie ist seine Art zu existieren, sein Lebensinhalt."

Stimmungsbild im Erleben einer Treibjagd

"Noch regt sich nichts auf dem Feld. Auf den Jägern lasten noch die Ketten des Schlafs. Die Treiber ziehen lässig dahin, stumm und fast mißmutig. Man könnte meinen, es habe noch niemand Lust zu jagen. Alles ist noch statisch. Die Szenerie ist noch rein vegetativ und infolgedessen paralysiert. Höchstens die Spitzen von Ginster, Heidekraut und Thymian erzittern ein wenig, wenn sie der Morgenwind durchkämmt. Da sind noch einige andere Bewegungen von kinematischem Aspekt, ohne jede Dynamik, die irgendwelche Kräfte am Werk zeigte. Schweifende Vögel rudern langsam zu irgendeinem Ziel. Schneller gleiten musizierende Insekten am Ohr vorbei und streichen ihre Weise auf mikroskopischen Violinen. Der Jäger ist noch in sich gekehrt. Man redet zu dieser Stunde doch nur dummes Zeug, das ihn dazu einlädt, sich noch mehr in sich zu verschließen. Er tut nichts. Das plötzliche Aufgehen in der Landschaft hat ihn schwerfällig gemacht und wie ausgelöscht. Er fühlt sich als Pflanze, als botanisches Wesen, und gibt sich dem hin, was beim Tier fast vegetativ ist: dem Atmen. Aber da, da kommt die Meute (...), und schon ist der ganze Horizont von einer seltsamen Elektrizität geladen, er wird beweglich, er dehnt sich elastisch aus. Plötzlich strömt das orgiastische, dionysische Element herein, das auf dem Grunde eines jeden Jagens flutet und kocht. (...)

Da ist sie schon, da ist sie schon, die Meute: dicker Geifer, Keuchen, das Korallenrot der Lefzen und die Bogen der unruhigen Ruten, die die Landschaft peitschen! Schwierig, sie zu bändigen. Sie können sich nicht mehr halten vor Jagdlust, sie schäumt ihnen aus Auge, Schnauze und Fell. Schatten von flüchtigem Wild ziehen vor der Phantasie der rassigen Hunde vorüber, die in ihrem Inneren schon in wildem Lauf sind. (...)

Vor dem Jäger ist alles unverändert, und trotzdem ist es ihm, als sähe er, nein, fühle er einen Hauch von verborgener Glut in der ganzen Landschaft: kurze Bewegungen von Strauch zu Strauch, unsicheres Fliehen, und die ganze aufgeschreckte Kleintierwelt des Waldes, das Ohr stutzt, lauscht. Unwillkürlich strömt dem Jäger die Seele über und spannt sich über sein Schußfeld wie ein Netz, das da und dort von den Krallen der Aufmerksamkeit gespannt wird. Denn schon ist alles gespannte Gegenwart, und in jedem Augenblick kann jedes strauchartige Gebilde sich wie durch Zauber in leibhaftiges Wild verwandeln. Da plötzlich bricht Hundegebell das herrschende Schweigen. (...) Darauf folgen viele Stimmen, die in derselben Richtung vorrücken. Man ahnt das Wild, das aufgescheucht in rasenden Fluchten wie Wind im Wind vorüberfegt. Das ganze Feld polarisiert sich, es scheint magnetisiert. Die Angst des verfolgten Wildes ist wie ein leerer Raum, in den alles hineinstürzt, was um ihn herum ist. Treiber, Hunde, Kleinwild, alles drängt dorthin, und selbst die Vögel fliegen vor Schrecken hastig in dieser Richtung. Die Angst, die das Wild fliehen macht, saugt die ganze Landschaft auf, saugt sie aus und zieht sie hinter sich her, und selbst dem Jäger, der äußerlich ruhig ist, klopft das Herz schneller und stärker in der Brust. (...)

Zielsicher weicht der Hirsch dem Hindernis aus; mit millimetrischer Genauigkeit fädelt er sich schnell durch die Lücke zwischen zwei Stämmen. In herrlichen Fluchten, den Hals nach rückwärts gebeugt, läßt er das königliche Geweih, das seiner Akrobatik zum Ausgleich dient wie die Stange dem Seiltänzer, auf seinem Körper wuchten. Mit der Schnelligkeit eines Meteors gewinnt er Raum. Seine Hufe berühren kaum die Erde, vielmehr begnügt er sich damit, wie Nietzsche vom Tänzer sagt, sie mit der Zehen­spitze zu prüfen, um sie zu beseitigen, um sie hinter sich zu lassen. Plötzlich über dem Rande eines Gestrüpps erscheint der Hirsch dem Jäger; er sieht ihn den Himmel mit der Anmut eines Sternbildes durchschneiden, und, von der Spannkraft seiner feinen Läufe vorwärtsgeschnellt, dahinfliegen. (...)

Von neuem berührt er den Boden in der Ferne und beschleunigt seine Flucht, weil ihm schon die Hunde keuchend in den Kniekehlen sitzen – die Hunde, die all diesen Taumel hervorgebracht haben, die ihre geniale Wildheit auf den Wald übertragen haben und jetzt dem Wild wie besessen, die Zunge weit heraushängend, die Körper in ihrer ganzen Länge gespannt, nachjagen: Jagdhund, Hetzhund, Spürhund, Windhund."

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Stand: 11.12.2006