Jahrestagung 2008, 23. bis 25. Mai in Maria Laach: Tagungsbericht Teil II

Herbert Witzel blickte mit seinem Vortrag weit über den Tellerrand des deutschen Waidwerks hinaus und informierte an einigen Beispielen anderer Länder über die jeweils unterschiedlichen Einstellungen von Jägerinnen und Jägern zu Wildtieren und Jagd. Der Referent machte damit auch deutlich, dass Jagdkultur nicht, wie Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Paul Müller dies fordert, einen übernational einheitlichen Charakter besitzen sollte, sondern allein aus dem Verständnis der Kultur tragenden und Kultur schaffenden Menschen (Jäger) ein je individuelles regionales (z.B. Brauchtum und Sitte ) Gepräge erhält. Mentalität und praktische regionale Jagdbedingungen seien in dem kulturellen Selbstverständnis Bezugsgrößen, die übernational mit Blick auf weltweite Jagd oft wesentlich differente kulturelle Varianten und Jagdformen herausbilden.

Der Geist des Deutschen Waidwerks sei deshalb nicht universalisierbar, obwohl ihm ohne weiteres auch weltweit Vorbildcharakter und hohe Wertschätzung zugestanden werde. Die in vielen Teilen des Waidwerks praktizierte Starrheit von Regeln in Deutschland sei jedenfalls nicht generell übertragbar. Ein Grundkonsens aber sei nach der internationalen Jagderfahrung des Referenten feststellbar: Es ist das jagdmoralische Gefühl, Tiere nicht leiden zu lassen und natürliche Ressourcen so weit als möglich zu schonen, irreversible Naturgüter nicht anzugreifen (Artenschutz) bzw. die Ressource Wild nachhaltig zu nutzen.

Erich Hobusch stellte sein Lebenswerk als Jagdhistoriker, Jagdautor und Jäger in einem kunstvoll und abwechslungsreich gestalteten autobiographischen Buch: WENN DIE KRANICHE ..., vor. An der Persönlichkeit von Erich Hobusch und seinem literarischen bzw. jagdkulturellen Schaffen kann der Leser etwa nach Muster einer Längsschnittstudie über ein halbes Jahrhundert hinweg die teils administrativen, teils jagdlichen und jagdkulturellen Verhältnisse vor allem im "Bannkreis" der früheren Deutschen Demokratischen Republik ohne den Versuch des Autors, Nachkriegsszeit bis "Wende" in der DDR zu beschönigen oder eine eigenständige "OSSI-JAGDKULTUR" etablieren zu wollen, authentisch-realistisch und der Wirklichkeit getreu erfahren.

Irgendwie, so scheint es der Webredaktion, kommt hier ein Hauch von stärker wurzelhafter Verbundenheit zur Jagdtradition herüber, die den meisten "Wessi-Jägern" abhanden gekommen zu sein scheint. Als jagdkulturell besonders zu beachtende Leistung scheint dieses in Gestalt (Layout) und jagdhistorischer Aussage schätzenswerte Buch einen festen Platz in jedem Bücherschrank von Jägerinnen und Jägern zu verdienen, die sich der Jagdkultur zugeneigt oder verpflichtet fühlen.

Franz Henninghaus erteilte einen Überblick über die technische Entwicklung von Jagdwaffen und Optikgeräten im Durchlauf des 2o. Jahrhunderts. Er zeigte am Wandel der Technik mit spezifischen Innovationen bei Waffen und Optik den jagdkulturellen Zusammenhang auf, den Technikfolgen für Wildtiere und Jäger notwendig einnehmen. Der erfahrene Büchsenmachermeister blickte besorgt auf die sich immer stärker zum Nachteil der Tierinteressen öffnende Schere zwischen der Chance des Jägers Wild zu erbeuten und der Chance des Wildes zu entkommen. Franz Henninghaus leitete daraus mit Präsentation einer Fülle praktischer Beispiele die jagdmoralische Frage ab:

Sind wir berechtigt, das von José Ortega y Gasset in den Meditationen eigens herausgearbeitete Spielraumprinzip in der Natur soweit zu verletzen, dass mittels moderner Technik bei Waffen und Optik Jagdaktionen praktisch rund um die Uhr möglich sind und auch inzwischen oft so praktiziert werden"

Wenn Moral nicht befohlen, also gesetzlich mit Sanktionsandrohung verordnet werde, dann unterliege, was Arthur Schopenhauer schon ärgerlich beklagte, jagdliches Handeln dem Egoismus, den egoistischen Strebungen und Wünschen des Jägerindividuums. Und diese Antriebsmechanismen seien vor allem in jüngerer Zeit eines überbordenden Jagdtourismus und zahlreicher zur Miniaturfläche parzellierter Minireviere materialistisch strukturiert: Der Jagderfolg muss schnell, preisgünstig und möglichst ohne durch ideelle Schranken gebremste Nachdenklichkeit im Gemüt des Jägers herbeigeführt werden können. So stehe es weitgehend im Belieben des einzelnen Jägers, ob er nach dem Vorbild der waidmännischen Tradition und folglich waidgerecht oder im Sinne von new age Hunting und folglich nach dem Motto des schnellen "Bumm und um" jagen will.

Als Antwort auf seine vorstehende Frage meinte der Büchsenmachermeister: Vielleicht sollte man es angesichts einer Umorientierung, ja eines Umsturzes der Werte im überkommenen Sinne einfach mit dem "Alten Fritz" bewenden und jeden nach seiner Facon glücklich werden lassen"

"Im übrigen bestimmt sowieso der Markt, wo es lang geht. Und das ist die Jägerschaft im neuen Gewand, was oft genug auch nicht mehr immer als grün zu bezeichnen ist", so Franz Henninghaus.

Herbert Rosenstingl versuchte über das dialektische Verhältnis zwischen Jäger und der Trophäe, dem immerwährenden und immer präsenten Statthalter der Beute am Beispiel Friedrich von Gagerns eine Erklärung für die Wirkung und Bedeutung einer Trophäe für das Erleben und Erinnern jener Jägerinnen und Jäger aufzuzeigen, die wie von Gagern hierfür eine Antenne, eine innere Disposition haben.

Für viele Waidmänner, besser: Trophäenjäger wird das zentrale Handlungsmotiv Wild zu erlegen durch Imponierstreben und durch den Willen zur sozialen Macht ausgebildet. Die Trophäe eignet einer Motivation dieser Ausprägung weniger als Bezugsebene zum Innen, zum Erleben und Wiedererleben der Persönlichkeit , sondern sie repräsentiert im Vordergrund Dominanzbewußtsein, Macht, soziale Bedeutung , Ehrsucht und die Möglichkeit zur intersubjektiven Diskriminierung. Der Referent ließ solche Aspekte der Jagdmotivation unberücksichtigt, weil diese nach seiner Überzeugung für Jägerinnen und Jäger nicht repräsentativ sind.

Herbert Rosenstingl schenkte seinen Zuhörerinnen und Zuhörern grossformatige Kopien von Aufnahmen einiger Bocktrophäen des Friedrich von Gagern, zu denen es je eine spannende, Geschichte gibt, die sich in Gagernliteratur findet (z.B. in: Birschen und Böcke).

Der Referent führte aus, die Trophäe sei bei Gagern ebenso wie bei sehr vielen anderen Jägern ein Medium, das jagdliches Erleben auch noch nach vielen Jahren im Gemüt des Jägers wachzurufen und zu reaktivieren vermag. Auf diese Weise habe Gagern auch gezeigt, dass man dem Tier nach der Paralyse seiner körperlichen Anwesenheit durch Erinnern am Medium eines dem Jagdtier körperlich anwesenden und es in seiner Erscheinung prägenden Gegenstandes (Trophäe) Respekt und so etwas wie Geschichte erweisen könne. Subjektiv gewendet vermittle die Trophäe dem Jäger eine besonders gute Chance des Wiedererlebens der Freude über den früheren Jagderfolg. Die Trophäe besitze damit eine ungemein starke emotionale Symbolkraft für den, der im Sinne von José Ortega y Gasset sich als guter Jäger begreift und dem Leitbild seines Gewissens folgt.

Denn, so Ortega, den guten Jäger befällt eine Unruhe im Gewissen angesichts des Todes, den er dem bezaubernden Tier bringt. Es sei wohl sicher auch zum Nutzen waidgerechter Jagdausübung, wenn die Trophäe über jedes glückliche Erinnern hinaus dem Jäger jene Unruhe festhält, die ihn immer neu an seine Verantwortung gegenüber Natur und Kreatur gemahnt. Über Jahrhunderte hinweg bis heute bildet der Hubertushirsch mit dem Kreuz im Geweih für viele Jäger das Symbol für einen jagdmoralischen Anspruch. Ein Kreuz auf dem Haupte einer Hirschkuh sei vielleicht weniger symbolträchtig und geringer symbolwirksam. Offenbar umgreifen nur beide Symbole, Geweih und Kreuz, gemeinsam die sowohl religiöse und damit übernatürliche, als auch triebhafte und damit natürliche Welt der menschlichen Persönlichkeit.

Gert G. von Harling trug eine wohl jeden Jäger, der ein Herz für Tiere hat, im Gemüt anrührende authentische Geschichte vor. Die Hündin GESA (Kleiner Münsterländer) begleitete den passionierten Jäger von Harling auf zahlreichen Pirschgängen und anderen Jagdveranstaltungen. Es schien so, als habe zwischen Jäger und Hündin auf der emotionalen Ebene des Sich-Verstehens beider Artindividuen die ihnen gemeinsame Jagdpassion eine gewissermaßen übersinnliche Einfühlung zueinander ermöglicht, die gelegentlich von feinsinnigen Hundeführern erwähnt wird. Mensch und Tier in der Einheit des natürlichen Jagdschemas verbunden durch Jagd- bzw. Beuteinstinkt und scheinbar erhaben über die Gesetze der zoologischen Hierarchie.

So lebten sie, so jagten sie lange Jahre miteinander in einer fast einzigartigen Mensch-Tier-Symphonie. Gesa näherte sich dem natürlichen Ziel ihres Hundelebens, das für alle Lebewesen unabänderlich mit dem Tod in biotischer Erfüllung ein endgültiges Ende und einen notwendigen Abschied bildet. Noch einmal eine letzte Nachsuche und alles war fast so wie sonst. Das Wild wurde gefunden. In diesem glückhaften Augenblick einer für jede zu tiefer Empfindung fähigen Jägerseele, wenn sich die Erhabenheit des Gefühls mit Nachdenklichkeit und Besinnung paart, in diesem Augenblick nach Beenden der "roten Arbeit" blickte Gert, der Jäger, wieder zu seiner Jagdgefährtin:

"Während ich sie nachdenklich betrachte, jifft sie im Traum kurz auf. Fast unmerklich bewegen sich ihre Läufe im Schlaf. Sie träumt von vergangenen Jagden ..."

Aus diesem Traum erwachte GESA nicht mehr.

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Stand: 01.11.2008