Ludwig Benedikt Freiherr von Cramer-Klett

Zu den Anfängen einer Schriftstellerkarriere

von Fritz Bergner

Vor 21 Jahren hat einer der wohl bedeutendsten Jagdschriftsteller des vergangenen Jahrhunderts, Ludwig Benedikt Freiherr von Cramer-Klett, im 80. Lebensjahr die Feder für immer aus der Hand gelegt. Seine Bücher und die zahlreichen Erzählungen in den Jagd­zeitschriften sind den meisten an Jagdliteratur interessierten Jägern bekannt. Weniger bekannt jedoch ist sein schriftstellerischer Werdegang.

In der „Deutschen Jäger-Zeitung“ des Verlages Neumann Neudamm erschien 1930 die erste Jagderzählung des 24jährigen Cramer-Klett mit der Überschrift „Der Vierzehnender“. Hierbei orientierte er sich in seinem Schreibstil an den Erzählungen des von ihm sehr geschätzten Anton Freiherr von Perfall, von dem er später als anerkannter Schriftsteller eine Sammlung von Jagderzählungen mit dem Titel „Auf der Wurzhütte“ herausbrachte. Diese erste Jagderzählung wurde von Cramer-Klett bereits in seiner Pennälerzeit verfasst, was er in seiner Korrespondenz besonders betonte.

Aber schon bei seiner nächsten Erzählung „Silvester-Birsch“, die 1931 wiederum in der „Deutschen Jäger-Zeitung“ abgedruckt wurde, löste er sich von Perfall und schrieb in einem eigenen unverkennbaren Stil, den er, wenn auch ständig verbessert, sein ganzes Leben beibehielt.

Keine frühe Reife des brillanten Schreibstils

Erwähnenswert ist eine 1931 bei Parey in „Wild und Hund“ veröffentlichte unbedeutende Geschichte mit dem Titel „Ein Traum“. Dieser Beitrag lässt den für den Freiherrn typischen Schreibstil noch nicht deutlich erkennen. Er ist wahrscheinlich ebenfalls in seiner Jugendzeit niedergeschrieben worden ist. Hier meint man eine Erzählung von Arthur Schubart zu lesen, der häufig Jagdgast in Hohenaschau war und als Poet von Cramer-Klett sehr verehrt wurde.

Im selben Jahr erschien in der „Deutschen Jäger-Zeitung“ eine von dem bekannten Jagdmaler M. Kiefer illustrierte längere Erzählung des Freiherrn „Die Heuraffler“, die dem jungen Schriftsteller allgemeine Anerkennung brachte und somit den Durchbruch als Jagdschrift­steller bedeutete. Diese Erzählung wurde 1950 zusammen mit anderen, kürzeren von dem Münchener Verlag F.C. Mayer als Buch herausgebracht. Eine 2.Auflage folgte 1965. Im Jahr 1983 übernahm der Parey-Verlag eine Neuauflage.

Der Neumann-Verlag publizierte 1932 in seiner Jagdzeitschrift eine weitere lesenswerte Erzählung des jungen Autors von Cramer-Klett. „Nicht geschossen!“. Anschließend wurde es seltsamerweise ruhig um die soeben aufgeblühte Schriftstellerei des Freiherrn: Erst in den Nachkriegsjahren, nachdem der Soldat Cramer-Klett aus dem Krieg heimgekehrt war, erschienen in den deutschsprachigen Jagdjournalen zuerst vereinzelt, dann aber immer zahlreicher Jagdgeschichten von ihm, die der Autor später in seinen Büchern verarbeitete.

Die folgende Geschichte von Ludwig Benedikt Freiherr von Cramer-Klett, die 1932 veröffentlicht wurde, ist von ihm wohl mit 20 oder 21 Jahren geschrieben worden; genau wusste der Autor es selbst nicht mehr. Sie ist schon ein kleines Meisterwerk, was sowohl die Thematik als auch die Wortwahl betrifft. In brillanten Bildern, ohne überschwänglich zu werden, lässt er den Leser an der Pirsch in seinen geliebten Bergen teilhaben und vermittelt ihm das Empfinden des Jägers bei der Jagd.

Nicht geschossen

(Aus:„Deutsche Jäger-Zeitung“ 1932, Verlag Neumann Neudamm)

Die schönste wildeste Zeit eines Jägerlebens ist um, wenn die Begier des Zeigefingers, sich in den Abzug der Büchse zu schmiegen erlahmt, wenn der wilde Tanz des Herzens immer seltener und aus dem Raubtiersprung und glühendem Zugreifen ein bedachtsames Pflücken geworden.

Wohl dem, der spät dazu kommt, denn er ist jung geblieben, mag auch der Schnauzbart schon grau sein, der zu zittern beginnt ob des leisen diabolischen Knackens, wenn das Geweih des ziehenden Hirsches morsche Reiser vom Stangenholz bricht, wenn das Keuchen des tollgierigen Rehbocks aus dem augustheiß brütenden Forst tönt, oder des Urhahns erwachende Schwinge in zottigen Fichtenwipfeln dich knisternd regt.

Wohl der Hand, die ohne viel Wägen gellenden Tod sendet und immer und immer wieder froh nach der heißumworbenen Beute greift ohne kältende, zwiespältige Reue.

Doch vieles, vielleicht alles auf Erden findet irgendwie seinen Ausgleich, und solchem Jüngling im Silberhaar blieb auch manch feiner Reiz vorenthalten. Der Übergang ist`s mit seinen Wundern, das tiefe Staunen, die sonderbare Erschütterung, die er wie jede Wandlung bringt. Kann man von Höhepunkten reden, so liegen sie am Anfang und in der Mitte allen Geschehens. Jugend und Reife, Erstlings- und Meisterwerk, erster Schuß in erster hochlodernder Beutelust und erstes nachdenkliches Absetzen. Beides ist Höhepunkt, nur muß beides zwingend sein, einem klaren Wachstum entspringen, unbewusst drängend das eine, bewusst sich weitend das andere.

Mit dem Ziehenlassen unreifen Wildes geht es an. Das ist aber nicht das wahre “Nicht geschossen“, wie ich`s meine, da ist viel Blasiertheit dabei, Knochengier, Eitelkeit, die Hoffnung, den Zwölfer als Sechzehnender wiederzusehen. Das ist nur ein Dämmern, ein Ansetzen. Das Wahre ist selbstlos, soweit des Menschen armseliges selbstbeengtes Herz sich also nennen darf, selbstloser vielleicht.

Eines Juniabends war der Anfang. Am Mittag war schwerer Gewitterregen gekommen, und ziemlich spät erst, etwa um 6 Uhr, ließ der Rauschegesang nach. Der Himmel lichtete sich zu bleichem Grau, und ich kroch aus dem Rindenkobel, unter dessen schützendem Giebel mich der Tropfenfall in Schlaf getrommelt hatte. Hinunter den lehmigen Hohlweg, durch Nadelholzdickungen hinaus auf die Wiesen. Überall Rehe, rote Schemen, verschwimmend im hohen, nässedampfenden Gras. Geiß, Geiß, nochmals Geiß, da ein besserer Bock mit schwarzer Stirn, dort zwei geringe. Hier in diesen weiten Wiesenmulden, prangend von Margueriten, Glockenblumen und Löwenzahn, hatte ich die drei sehr guten Sechserböcke schon vor Tagen geschossen, hier war wenig Aufregendes mehr zu erwarten, aber unten der unberührte Erlengrund beherbergte noch ein paar recht stattliche Recken. So wollte ich eben dorthin die gummibesohlten Schritte lenken, als mir weit drüben auf einem schmalen Streifen Klee ein starkes, tiefrotes Reh auffiel. Es äste eifrig und ohne viel aufzuwerfen, aber in jener hastigen, ein wenig gewalttätigen Art, die dem guten Bock eigen ist. Fürs Zeißglas war`s zu sicherem Ansprechen des im Klee nickenden Grindes recht weit, so an die 500 Meter, und deshalb zog ich das Spektiv aus, erkletterte ein Scheunendach und spekulierte aufgelegt in aller Ruhe. Das war ein ganz fremder Bock, das war ein Bock mit höllisch gutem Gewächs zwischen den Lauschern, unten schwarz und dicht, oben ausladend und fahl blinkend!

Der Angriffsplan war leicht zu finden. Vom Kleefeld sank der Boden steil in eine mit jungen Fichten bestockte Mulde ab, der Wind schien günstig, eine Umgehung von einem halben Stündchen, ein kurzes Kriechen die Mulde hinan, und man musste den Bock knapp hundert Schritte vor sich haben.

Alles ging gut, ich verschnaufte ein paar Atemzüge hinter dem letzten Fichtenbusch, wischte mir den Schweiß ein wenig von der Stirn, entsicherte die Büchse und hob langsam den Kopf. Der Klee war leer, aber nein, da auf zwanzig vor mir war ein tiefroter, stattlicher Rücken, und dann erhob sich ein prahlendes, herrliches Haupt aus dem nassen Klee. Er hatte nichts gemerkt, er äugte mir gerade ins Gesicht und ahnte nichts von meiner Nähe. Über der eisengrauen Krausstirn ragte das kapitale Gehörn schwarz und dornig. Der Blick der dunklen Lichter war voll des Selbstbewusstseins der Starken und dazu recht böse und kampfgewillt. Die schlanken Linien der Kiefer aber schoben sich käuend hin und her, so kräftig, dass um den weißgerandeten Äser lichtgrüner Kleesaft tropfte und schäumte. Ein Bild lebensvoller Kraft, bannend jede feindliche Begier. Ich konnte ihn nicht schießen, der da strotzend vor mir stand. Er war zu wertvoll, zu vollendet, um jetzt von 2 ½ Gramm Blättchenpulver und ein paar Gramm Stahl frevlerisch vernichtet zu werden. Nein, nein, der musste leben, der musste noch hundert schlanke Geißen sich erobern und noch viel hundertmal sich gütlich tun am saftigen Klee. Nicht einmal merken sollte er, dass der Erbfeind sein Leben am Finger gehalten. Diesen selbstsicheren Mut, man durfte ihn nicht stören.

Selten in meinem Jägerleben habe ich mich so zusammengenommen wie beim Wegpürschen von jenem Bock, selten so erleichtert aufgeatmet wie damals, als ich mich neben einer der vielen Feldscheunen aufrichtete und ihn 200 Schritt entfernt im Klee sitzen sah, satt wiederkäuend, in ruhevollem Behagen. Ein roter Spalt am Abendhimmel tat sich auf, herrlich blitzten wie ritterliche Helmzier die langsprossigen Stangen in der letzten Glut. Dann sank die Nacht, ich ging nach Hause, einen langen, nachdenklichen, beglückten Heimweg. Den Bock habe ich, Huberto sei es gedankt, niemals wiedergesehen.

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Stand: 03.12.2006