JAGDBELLETRISTIK, EIN SPÄTES KIND DER JAGDKULTUR

Ein Streifzug in die Anfänge der jagdlichen Unterhaltungsliteratur

Von FLJ-Autor Fritz Bergner

Die jagdliche Unterhaltungsliteratur wird häufig geringschätzig beurteilt, weil sie oftmals dilettantisch dargestellt wird und somit auf keinem hohen literarischen Niveau steht. Aber auch die geistig anspruchslose Schilderung hat ihre Daseinsberechtigung. Wenn sie auch nicht zur Bildung beiträgt, vermittelt sie doch jagdliche Gepflogenheiten und die ideelle Einstellung zur Jagd in der jeweiligen Epoche. Sie ist, wie jede andere Literatur auch, gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen. In ihr spiegelt sich der Zustand der Gesellschaft wider. In der Feudalgesellschaft bestand die Jagdliteratur nur aus Fachbüchern, für Unterhaltungsliteratur war in diesem Bereich kein Bedarf. Erst als das Bürgertum sich an der Jagd beteiligen konnte, entwickelte sich allmählich neben der belehrenden auch eine unterhaltende Jagdliteratur. So spielt bei der Entwicklung der Jagdbelletristik die Revolution von 1848 eine nicht unbedeutende Rolle, nachdem auch die einfachen Bürger Zutritt zur Jagd fanden. Ein jeder Bürger, meist ohne jagdliche Vor- oder Ausbildung, konnte von da an ungehemmt die Jagd ausüben. Auch wenn viele der so genannten Sonntagsjäger verspottet und belacht wurden, das Interesse der nichtadligen Bevölkerung an der Jagd war geweckt worden und das war der eigentliche Nährboden für die zunehmende Entwicklung der jagdlichen Unterhaltungsliteratur.

Erste jagdthematische Unterhaltungsliteratur zum Ende des 19. Jahrhunderts

Das Genre dieser Literatur findet sich erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Zuvor wurde die Jagdliteratur, abgesehen von wenigen Ausnahmen, nur durch Sachbücher bestimmt. Ein Aufschwung erfolgte gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als in dieser Zeit bedeutende Jagdzeitschriften erschienen, in denen Jagderzählungen und auch Jagdromane in Fortsetzungen publiziert wurden, die sich nicht nur in Jägerkreisen großer Beliebtheit erfreuten. In den Jahrzehnten vorher wurde jagdliche Unterhaltungslektüre meist nur in Form kurzer Erlebnisberichte in den periodisch erschienenen Forstjournalen oder in den Jahresbüchern für Jäger und Jagdliebhaber dargeboten. Die wenigen bekannten Bücher aus dieser Zeit, die in die Kategorie der jagdlichen Belletristik fallen, werden hier vorgestellt. Die Ausführungen dazu erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit; die angegeben Bücher wurden willkürlich ausgewählt.

Das erste nennenswerte jagdbelletristische Buch wurde von dem damals sehr bekannten Abenteuer- und Reiseschriftsteller Friedrich Gerstäcker geschrieben. Es erschien 1857 unter dem Titel „Eine Gemsjagd in Tyrol". Eine anspruchsvolle Stilistik, spannende Jagdschilderungen und künstlerische Gestaltung mit Holzschnitten und Lithographien machte das Buch zu dem, was heute als Bestseller bezeichnet wird. Das vor 150 Jahren geschriebene Buch ist auch heute noch lesenswert. Dafür spricht auch, dass 1978 ein Reprint dieses Buches auf den Markt kam. Der Jagdbuchsammler Prof. Lindner schrieb zu diesem Buch: „Eines der hübschesten deutschen Jagdbücher der Romantik, auch das erste nicht zugleich in die Reiseliteratur gehörige jagdliche Erlebnisbuch in deutscher Sprache.“

Von diesem Buch sind bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts bei anderen Verlagen eine Vielzahl von Auflagen herausgebracht worden, einmal zusammen mit der Novelle „Der Kunstreiter“ zum anderen in der Reihe „Gerstäckers Erzählungen“ unter dem Titel „Jagderlebnisse“.

Bereits 1850 ist von Gerstäcker eine Sammlung von Jagderzählungen mit dem Titel „Waidmanns Heil“ erschienen, die jedoch nicht die literarische Qualität seines später herausgebrachten Jagdbuches hatte. Historisch interessant sind hier die Schilderung der Revolutionswirren in einem Forsthaus oder die ironisch-kritische Beschreibung einer Bauerntreibjagd im Winter 1848. Das Buch enthält noch den „Immerwährenden Jagdkalender“ und das „Moralische Jäger-ABC“ mit originellen Zeichnungen und Versen von Max Haider.

Im Jahre 1861 kam ein großformatiges Buch „Bilder aus dem Jägerleben“ von D. von Winterfeldt auf den Markt. In sechs als Bilder bezeichneten Abschnitten beschreibt der Autor in der für damalige Zeit typischen blumigen Sprache bis auf eine Ausnahme Gesellschaftsjagden. Der Leser erfährt Details aus der damaligen jagdlichen Praxis, teilweise in amüsanten Tönen. Die Texte gehen nicht nur auf jagdliches Geschehen ein, sondern es werden in anschaulicher Weise Naturbeschreibungen geschildert, wie es Jahrzehnte später Löns in perfekter Art beherrschte. Es ist keine großartige Literatur, hat aber eine jagdkulturelle Bedeutung, denn es zeigt auf, dass in der damaligen Zeit nach den verheerenden jagdlichen Exzessen der Nachrevolutionsjahre die Jagdausübung wieder in geordneten Bahnen verlief. Auch was heute als Weidgerechtigkeit angesehen wird, ist aus den Zeilen herauslesbar.

Ein 1863 erschienenes Buch ohne Verfasserangabe, mit zahlreichen Textholzschnitten ausgestattet , hat den Titel: „Wild- und Waidmannsbilder. Jagdscenen und Schilderungen aus Wald, Gefild und Höhen.“ Alle damals jagdbaren Tiere außer dem Wolf werden in den einzelnen Kapiteln aufgeführt, wobei jeweils eine allgemeine Abhandlung des betreffenden Wildes vorangeht, der dann eine oder mehrere Jagdschilderungen folgen. Es ist eine Unterhaltungslektüre mit belehrendem Charakter und somit der reinen Jagdbelletristik nicht zugehörig.

Ein sehr schönes, aufwendig gestaltetes Buch in Folio-Format erschien 1875 „Waidmann´s-Erinnerungen“ von Franz von Pausinger mit begleitendem Text von Karl Stieler. Der, eigentlich ein bayerischer Heimat- und Dialektdichter, hat zu diesem Werk eindrucksvolle Jagdschilderungen geschrieben. Ausgeschmückt ist dieser Großband mit 12 Tafeln nach Gemälden des angesehenen Wiener Jagdmalers Franz von Pausinger und zahlreichen Holzschnittillustrationen von Closs und Fröhlicher.

1894 wurde eine verkleinerte Neuauflage herausgegeben mit verändertem Titel „Auf der Pirsch“ von Karl Stieler. Text und Reproduktionen der Pausinger-Gemälde wurden beibehalten, anstelle der hübschen Holzschnitte wurden Illustrationen verschiedener Jagdmaler verwendet.

Eine Seltenheit ist das 1878 von Sylvan herausgegebene interessante kleine Bändchen „Jagdbilder aus Siebenbürgen“, das auf 177 Seiten Jagdgeschichten aus den Karpaten beinhaltet. Wer sich hinter dem Pseudonym Sylvan verbirgt, ist nicht bekannt. Es ist denkbar, dass ein jagender Siebenbürger Sachse der Verfasser war. In ansprechenden Erzählungen wird die Jagd auf alles in dem abgelegenen Gebiet der Karpaten vorkommenden Wildes geschildert. Eigenartigerweise aber werden Pirschen auf Hirsch und Rehbock nicht erwähnt, obwohl gerade das Rotwild die Hauptwildart dieser Region ist. Das spricht dafür, dass der Verfasser keine Gelegenheit hatte auf dieses Wild zu jagen oder nicht jagen durfte, weil Hirsche und Böcke den adligen Waldbesitzern vorbehalten waren. Der Reiz dieses Büchleins liegt darin, dass über ein zu jener Zeit unbekanntes Jagdgebiet geschrieben wurde, das sich erst Jahre später zu einem beliebten Ziel im Jagdtourismus herausbildete. Einmal in diesem jagdlichen Eldorado weidwerken zu dürfen, war der Wunschtraum vieler Jäger und ist es bis heute geblieben.

Ebenfalls im Jahre 1878 brachte Joseph Karl Friedrich Graf von Frankenberg und Ludwigsdorf unter seinem Pseudonym Lederstrumpf „Jagd- und Reise-Erlebnisse aus dem Tage-Buche eines Einsiedlers“ heraus. Das umfangreiche Buch teilt sich in zwei Bänden auf, wobei der erste Band den eigenartigen Titel „Jagd und Weiber“ hat und der zweite die Überschrift „Jagd in Krieg und Frieden“. Lederstrumpf bekannt durch seine Monographie „Der Fuchs. Seine Jagd und sein Fang“ hat in dem vorliegenden Buch eine Mischung von Jagd- und Kriegserlebnissen mit jagdpraktischen Unterweisungen und wildbiologischen Anmerkungen niedergeschrieben. Es ist dadurch eigentlich nicht in die Kategorie Jagdbelletristik einzuordnen. Seine Schilderungen sind keine Erzählungen, sondern Erlebnisberichte, die auf Tatsachen beruhen dürften, da Örtlichkeiten und Personen namentlich benannt werden. Das in trockener Schreibweise Dargestellte bietet sehr viel Wissenswertes, auch in historischer Hinsicht, und ist damit eine interessante Lektüre.

Raoul von Dombrowski, Ahnherr der österreich-ungarischen Jagdschriftstellerdynastie von Dombrowski, hoch angesehener Verfasser einer Anzahl von wildzoologischen Monographien und Jagdlehrbüchern, hatte eine weitgehende naturwissenschaftliche Bildung und darüber hinaus auch einen Sinn für die Schönheiten der Natur. Er beherrschte sowohl die Feder als auch den Pinsel, er war Wissenschaftler , aber auch Poet.

Aus seiner Feder stammen auch einige Bändchen poetischen Inhalts und ein Buch mit reiner belletristischer Substanz, das 1878 erschienen ist und den unvorteilhaften Titel „Aus dem Tagebuche eines Wildtödters“ hat. Den eigenartigen Titel hatte er offensichtlich von dem nordamerikanischen Schriftsteller James Fenimore Cooper übernommen. Dieser war Verfasser der in einer bekannten Buchreihe erschienenen Lederstrumpferzählungen, die bis heute besonders bei der Jugend großen Anklang gefunden haben, und in dieser Reihe erschien 1841 das Buch „Der Wildtöter“. Dombrowski hat sein Druckwerk mit eigenen Holzschnittillustrationen und schönen Kupfertafeln ausgestattet. Dieser Band wird als einziger aus dem umfangreichen Gesamtwerk in der Biographie von F.C.Keller nicht erwähnt. In dem Buch mit dem Untertitel „Jagdskizzen für Freunde des Waidwerks und deren Frauen“ werden Jagderlebnisse in geistreicher Weise aber ohne glänzenden Stil dargeboten. In der Darstellung ist der Wiener Einfluss unverkennbar. In den Schilderungen wechseln sich schnörkelige mit passablen Passagen ab. Störend wirken auch die vielen Fremdwörter. Auflockernd sind seine eingestreuten recht ansprechenden Gedichte, alle mit „Waldlieder“ überschrieben. Sowohl diese als auch die stimmungsvollen Naturschilderungen lassen seine poetische Ader erkennen. Der Autor war ein exzellenter und sehr fleißiger Verfasser von Jagdsachbüchern, jedoch der Ausflug in die Belletristik ist etwas zu holperig geraten. So hat dieses Buch heute nur noch einen kulturhistorischen Wert.

Ein von Victor Cossmann 1879 verfasstes Buch mit dem Titel „Wald- und Jagdstudien in jeder Jahreszeit“ beinhaltet ideenreiche Jagd- und Naturschilderungen, die der Zeit entsprechend manchmal heroische Züge aufweisen. Mit schönen Kupfertafeln und Holzschnitten bebildert hat das Buch einen ansprechenden Unterhaltungswert.

Ein sehr schönes Buch ist 1881 von C.E. Freiherr von Thüngen erschienen: „Die Jahreszeiten des Waidmanns“. „Belletristische Schilderungen aus dem Jägerleben in Prosa und Poesie zur Charakteristik des deutschen Waidwerks“ heißt der Untertitel. Der Autor bekannt als Verfasser einer Vielzahl von jagdlichen Praxisbüchern und Jagdtiermonographien hat hier ein gehaltvolles und geistreiches Werk geschaffen, das durch viel eingeflochtene Jagdgedichte bekannter und unbekannter Dichter aufgelockert worden ist. In seinem Vorwort schreibt er: „Bei der Bearbeitung dieser Schilderungen ist nicht nur den Wünschen des Jäger allein, sondern auch denen des Naturfreundes Rechnung getragen, indem wir, ausgehend von dem Grundsatze, daß jeder wahre Waidmann auch Naturfreund sein soll und sein wird, bei der Darstellung der einzelnen Jagdarten auch die mannigfachen Naturschönheiten, welche sich bei der Ausübung jener dem Waidmann darbieten, möglichst getreu vor Augen führen.“ An einer anderen Stelle schreibt er dann im Vorwort: „Wir können uns nicht immer mit streng wissenschaftlichen Werken beschäftigen, unser Geist verlangt auch nach Erholung, unser Gemüth nach Erquickung“. Ein Buch also, das abgesehen von dem etwas schnörkelhaften Schreibstil jener Zeit, durchaus den heutigen Ansprüchen einer guten Jagdbelletristik entspricht.

Kurz vor der Jahrhundertwende kam es zu einem rasanten Aufschwung in der jagdlichen Unterhaltungsliteratur. Die vordem wenigen Veröffentlichungen erschienen jetzt in kaum übersehbarer Zahl. Es können nicht alle Autoren angeführt werden, die mit ihren Gedanken und Ideen in dieser Zeit an die Öffentlichkeit gingen. Auf einen sehr fleißigen Schriftsteller soll noch hingewiesen werden. Von dem durch sein Hundebuch bekannten Oberländer, dessen bürgerlicher Name Carl Rehfus ist, wurde 1897 ein Buch herausgebracht „Quer durch deutsche Jagdgründe, das mehr eine Streitschrift mit viel patriotischen und chauvinistischen Anmerkungen als ein belletristisches Jagdbuch ist, es aber immerhin auf mehrere Auflagen brachte. In Abständen von jeweils wenigen Jahren folgten von ihm noch einige Bücher, vorwiegend Erlebnisschilderungen von Jagdreisen.

Jagdzeitschriften waren Förderer und Pioniere der Jagdbelletristik

Immer mehr Jagdzeitschriften kamen auf den Markt, die dem Feuilleton einen großen Raum einräumten und somit der Verbreitung der Jagdbelletristik Vorschub leisteten. Unter den vielen Autoren, manche schrieben unter einem Pseudonym , andere unterzeichneten nur mit einem Namenskürzel, kristallisierten sich Schriftsteller heraus, die bald einen bekannten Namen hatten. Dazu gehörten Anton Freiherr von Perfall, Arthur Achleitner, Ludwig Ganghofer, im neuen Jahrhundert kamen Hermann Löns und Friedrich von Gagern hinzu, um nur die wichtigsten zu nennen. Diese Autoren begnügten sich nicht nur mit den in den Zeitschriften veröffentlichten Erzählungen und Geschichten, sie schrieben Bücher, manche in großer Anzahl. Die Romane und Novellen einiger dieser Schriftsteller, in damaliger Zeit viel gelesen und in mehrfachen Auflagen erschienen, sind im Stil und Inhalt heute nicht mehr zeitgemäß. Auf den heutigen Leser wirken sie banal. Jedoch ihre Bände mit jagdlichen Erzählungen sind Kleinodien und haben heute noch einen literarischen Wert.

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Stand: 15.12.2007